Dietmar Rothermund: Die Geschichte Indiens vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Dietmar Otto Ernst Rothermund, geb. 1933, deutscher Historiker und emeritierter Professor für die Geschichte Südasiens an der Universität Heidelberg, gibt in seinem Buch „Geschichte Indiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ einen allgemeinverständlichen Überblick über die Geschichte Indiens vom Ende der Gupta-Vakataka-Dynastie im 6. Jh. bis zur Gegenwart. Sehr ausführlich wird der Freiheitskampf gegenüber der britischen Fremdherrschaft und die Tragödie der Teilung in die beiden Staaten Indien und Pakistan behandelt.

Inhalt

1. Das indische Mittelalter (vgl. R, 7-24)
2. Die Reiterkriegerstaaten (vgl. R, 25-35)
3. Das Reich der Mogulkaiser (vgl. R, 36-52)
4. Von der Britischen Ostindien-Kompanie zum Kaiserreich (vgl. R, 53-69)
5. Der Freiheitskampf unter der Führung Mahatma Gandhis (vgl. R, 70-89)
6. Die Tragödie der Teilung in Indien und Pakistan (vgl. R, 90-100)
7. Die Wirtschaft und Politik der Republik Indien (vgl. R, 101-107)
8. Die Außenpolitik der Republik Indien (vgl. R, 108-115)

Links
Literatur

1. Das indische Mittelalter (vgl. R, 7-24)

Bereits vor rund 8000 Jahren haben sich in den Randgebieten des Industals Ackerbau-Kulturen gebildet (vgl. R, 7.) Ab 2600 v. Chr. entwickelte sich die Induskultur, die aufgrund klimatischer Umbrüche um 1900 v. Chr. ihr Ende nahm. Als die Induskultur im Untergehen begriffen war, kamen die Arya aus Afghanistan und drangen bis zum Gandak vor. Im Osten (Bihar und Bengalen) entstanden Großreiche und neue religiöse Bewegungen (Buddhismus und Jainismus). Das klassische Altertum Indiens endete im frühen 6. Jh. n. Chr. mit dem Hunneneinfall ins Guptareich. Rothermund diskutiert im Folgenden drei Aspekte des indischen Mittelalters: (1) Die feudalen Inkorporationsstrategien, (2) das Mächtegleichgewicht rivalisierender Regionalreiche und (3) die religiösen Wandlungen.

1.1. Feudale Inkorporationsstrategien:

Während die frühen Großreiche ihre Ordnung von oben durchsetzen konnten, mussten die späteren Reiche ihre Herrschaft durch feudale Inkorporationsstrategien von unten aufbauen (vgl. R, 10f.). Hierbei spielten die Beziehungen zwischen (a) dem König und den Brahmanen und (b) dem König und dessen fürstliche Kollegen eine besondere Rolle. Darüber hinaus wurde der Tempelbau, der im 6.-7. Jh. n. Chr. entstand, zu einem wichtigen Mittel der Herrschaftsmanifestation.

1.2. Das Mächtegleichgewicht rivalisierender Regionalreiche:

Die indischen Regionalreiche waren ihrer Struktur nach sehr ähnlich, da sie ähnliche Inkorporationsstategien hatten, aber auch ähnliche Kriegsstrategien (vgl. R, 15). Der Kriegselefant spielt hierbei eine bedeutende Rolle. Der Radius des Herrschaftsgebietes betrug meistens ca. 150-200 km, während die Interventionsreichweite mehr als 1000 km groß sein konnte. Dauerhaftes Interventionspotential war aber nur bis zu einer Reichweite von 600 km möglich. Als gegen Ende des 12. Jh.s der Ansturm der islamischen Reiterkrieger einsetzte, waren die streitenden Reiche nicht mehr von bedeutenden Machthabern besetzt. Eine Ausnahme bildete lediglich Orissa.

1.3. Der Niedergang des Buddhismus und die Entwicklung des Hinduismus:

Die buddhistischen Orden (Sangha) waren zwar gut organisiert, doch war ihr Reichtum aufgrund ihrer Verbindung mit den Herrschern für politische Wechselfälle weitaus anfälliger als die flexible Organisation der Brahmanen. Der Brahmane und Philosoph Shankaracharya (788-820) entwarf eine Form des Hinduismus, dem sich viele Buddhisten anschlossen, so dass der Buddhismus zunehmend an Bedeutung verlor (vgl. R, 20f.). Ein Hindu kann auf drei Pfaden den Weg zu Gott finden: Man unterscheidet zwischen Karma-marga, Jnana-marga und Bhakti-marga. Im Mittelalter kam es zu einer Artikulation der Vielfalt dieser Pfade, was wesentlich zur Bereicherung des Hinduismus beitrug (vgl. R, 22). Neben den überlieferten religiösen Texten entstanden im Mittelalter die Puranas und Mahatmyas. Das Kastenwesen wurde von den Brahmanen als ein System gedeutet, das der Weltordnung (dharma) unterliegt. So wurden alle Bereiche des Lebens religiös gedeutet. Als Gegengewicht zum Kastenwesen wurde ganz Indien von Bhakti-Bewegungen durchzogen.

2. Die Reiterkriegerstaaten (vgl. R, 25-35)

Der Kriegselefant blieb weiterhin die wichtigste Waffe in Indien, da es für eine neue Kavalleriestrategie, wie sie islamische Reiterkriegerstaaten besaßen, sowohl an guten Pferden als auch an gut ausgebildeten Reitern fehlte (vgl. R, 25). Indien wurde von den islamischen Reiterkriegern erst relativ spät erobert, da es nicht genügte, lediglich einen Außenposten zu errichten (vgl. R, 26f.).

2.1. Das Delhi-Sultanat:

Qutbuddin Aibak gründet 1206 das Delhi-Sultanat. Alauddin (1297-1316) gilt als der bedeutendste Herrscher des Delhi-Sultanats (vgl. R, 27). Der Herrschaftsstil islamischer Reiterkrieger war im wesentlichen durch brutale Gewalt ausgezeichnet. Hindus, die dem Ansturm islamischer Kavallerieblitzkriege gewachsen sein wollten, mussten ihre Reiche in Kavalleriestaaten umwandeln (vgl. R, 28). 1398 wird Delhi von Timur geplündert. 1526 besiegt Großmogul Baber in der Ersten Schlacht bei Panipat den Sultan Ibrahim Lodi und gibt damit dem Delhi-Sultanat den Todesstoß.

2.2. Die Sultanate des Hochlands:

Neben dem Delhi-Sultanat gab es noch weitere Sultanate. Das Bahmani-Sultanat in Gulbarga (Karnataka) wurde 1347 von Bahman Shah gegründet, das aufgrund zu schnellen Wachstums und zu großer Heterogenität in vier neue Sultanate zerfiel, die von Bijapur, Ahmednagar, Golkonda und Bidar. Bijapur und Golkonda waren die nächsten Nachbarn des Hindu-Reichs Vijayanagar, mit dem sie in ständiger Fehde lagen (vgl. R, 32). Neben den genannten Sultanaten gab es noch das Sultanat von Bengalen, das jedoch keine besondere Rolle spielte.

2.3. Die Hindu-Reiterkrieger des Südens:

Aufgrund des Rückgangs des Delhi-Sultanats kam es zum Aufstieg rivalisierender Hindu-Reiche in Südindien, die nun ebenfalls der Kavalleriestrategie folgten. Das größte Hindu-Reich des Südens war Vijayanagar, das 1336/1346 von Harihar und Bukka gegründet wurde. Neben Vijayanagar konnte sich auch Orissa gegen die Übermacht der Muslime zur Wehr setzen.

3. Das Reich der Mogulkaiser (vgl. R, 36-52)

Der rasche Aufstieg des Mogulreichs verdankte sich dem gekonnten Einsatz der Feldartillerie. 1526 besiegt der Großmogul Baber bei Panipat das Heer des Sultans von Delhi. Aufgrund des souveränen Umgangs mit Kanonen hatte Baber in Indien ein leichtes Spiel. Akbar (1556-1605) war der größte Großmogul. Sein Reich dehnte sich rasch aus, wobei er zugleich eine kluge Außenpolitik betrieb.

3.1. Akbars Verwaltungsreform und Religionspolitik:

Akbars Verwaltungsreformen bestanden u. a. in der Einführung einer neuen Rangordnung bei der Landzuteilung und in der Etablierung eines neuen Münz- und Steuerwesens. Des weiteren hat sich Akbar für den religiösen Frieden eingesetzt, indem er die verhasste Kopfsteuer für Nicht-Muslime abschaffte und eine Rajputenprinzessin heiratete, die er nicht zum Islam zwang. Islamische Gelehrte reagierten auf diese Toleranz zwar mit Kritik, doch konnten sie an der Praxis Akbars nichts ändern, da die Großmoguln absolutistische Herrscher waren.

3.2. Jahangir, Shah Jahan und Aurangzeb:

Unter Jahangir (1605-1627) nahm der Einfluss der persischen Hofkultur zu. Jahangirs Sohn und Nachfolger Shah Jahan (1627-1658) war nach Akbar der größte Großmogul. Er war nicht nur ein kühner Feldherr, sondern auch ein großer Bauherr, unter dem das Taj Mahal und das Rote Fort entstanden. Unter Aurangzeb (1658-1707) kam es aufgrund der Überdehnung des Reichs, der hohen Kriegskosten und der fundamentalistischen Religionspolitik zu einem Bedeutungsverfall des Mogulreichs, der sich im 18. Jahrhundert fortsetzte.

3.3. Die Marathen:

Die Marathen waren ein Volksstamm des Hochlands, die zunächst unter der Führung Shivajis (1646-1680) das Mogulreich Aurangzebs angriffen. Unter Baji Rao I. (1720-1740) gelangte die Marathenmacht zu ihrem Höhepunkt, während die Macht des Großmoguls zu einem Schatten verblich.

3.4. Die Kommerzialisierung der Macht im 18. Jahrhundert:

Das 18. Jh. Indiens wurde lange Zeit als Zeit des Zerfalls beschrieben, was durch neuere historische Forschungen jedoch nicht bestätigt wird. Aufgrund der florierenden Geldwirtschaft kam es zu einer Kommerzialisierung der Macht, so dass reiche Kaufleute die eigentliche Macht im Staat hatten (vgl. R, 48). Die britische Ostindiengesellschaft (British East India Company) war ein wesentlicher Bestandteil dieser Entwicklung. In den Jahren von 1757 bis 1764 fanden vier voneinander unabhängige Schlachten statt, die den weiteren Verlauf der indischen Geschichte entscheidend prägten (vgl. R, 49): (1) Die Schlacht von Plassey (1757), (2) die Schlacht von Wandiwash (1760), (3) die Schlacht bei Panipat (1761) und (4) die Schlacht von Baksar (1764). 1765 erhielt die britische Ostindiengesellschaft die Diwani (die zivile Herrschaft) über Bengalen, womit „die Grundlage für die Errichtung eines Territorialstaats durch eine Handelsgesellschaft“ (R, 51) gelegt wurde. Haider Ali und sein Sohn Tipu Sultan konnten den Briten lange Zeit trotzen. Erst 1799 wurde Tipu Sultan geschlagen, woraufhin die Marathen als letzte Bedrohung der britischen Macht verblieben. 1818 wurden dann auch die Marathen von der britischen Ostindiengesellschaft geschlagen. Maharaja Ranjit Singh, Führer der Sikhs im Panjab, war der letzte Widersacher der Briten, der bis zu seinem Tod im Jahre 1839 der britischen Macht standhalten konnte.

4. Von der Britischen Ostindien-Kompanie zum Kaiserreich (vgl. R, 53-69)

Die Errichtung eines Staats auf indischem Boden durch die britische Handelsgesellschaft war insofern erstaunlich, als Großbritannien zu dieser Zeit nur etwa 5 Millionen Einwohner hatte, während das Mogulreich etwa 150 Millionen hatte (vgl. R, 53). Außerdem geschah die Eroberung indischen Territoriums überwiegend auf Kosten der indischen Steuerzahler (vgl. R, 53).

4.1. Der europäische Handel mit indischen Textilien:

Der Handel mit indischen Baumwolltextilien war schon gegen Mitte des 17. Jahrhunderts lukrativer als der Handel mit Pfeffer und anderen Gewürzen. Zunächst kauften die Briten das auf, was angeboten wurde, doch mit der Zeit griffen sie auch in den Produktionsprozess ein und gewannen dabei politisch relevante Kenntnisse über das Land (vgl. R, 54). Als die Versorgung mit indischen Textilien in Großbritannien knapp wurde, ging man dazu über, die Baumwolle selbst zu spinnen und zu weben, was zur industriellen Revolution führte (vgl. R, 55).

4.2. Die Errichtung der britischen Territorialherrschaft in Bengalen:

Die Ostindiengesellschaft hatte zwar in Bezug auf den Handel die Eigenschaft einer modernen Bürokratie, nicht jedoch in Bezug auf eine Territorialherrschaft (vgl. R, 56). 1784 wurde der Posten des Generalgouverneurs durch ein Gesetz des britischen Parlaments geschaffen. Warren Hastings (1773-1785) war der erste Generalgouverneur von Britisch-Indien, der zugleich seine Territorialherrschaft weit über Bengalen ausdehnte (vgl. R, 56). Sein Nachfolger Lord Cornwallis (1785-1793) führt 1793 das Permanent Settlement (permanente Grundsteuerveranlagung) von Bengalen ein (vgl. R, 57). Aufgrund der Verbreitung des britisch-indischen Rechtwesens wuchs auch die Zahl indischer Anwälte und Richter, die zukünftig zu kompetenten Kritikern der Fremdherrschaft wurden.

4.3. Der Indische Aufstand von 1857:

Durch die Ausweitung der Armee kamen immer mehr unerfahrene britische Offiziere nach Indien, die zum Beispiel nicht einsehen wollten, dass Hindus und Muslime Gewissensprobleme bei der Verwendung von Patronen hatten, deren Schutzhülsen mit Tierfett eingeschmiert waren (vgl. R. 60). Diese Hülsen mussten vor Verwendung der Patronen abgebissen werden. Als sich einige Soldaten der Benutzung dieser Patronen verweigerten, wurden sie bestraft. In der Folge kam es zu einem Aufstand, der sich rasch in Nordindien verbreitete und die Briten völlig überraschte. Mithilfe der Sikhs konnten die Briten den Aufstand letztlich unterdrücken. Mit dem Aufstand hatte die Ostindiengesellschaft als Herrschaftsinstrument ausgedient.

4.4. Königin Victoria wird Kaiserin von Indien:

1858 wird die britische Ostindiengesellschaft aufgelöst und die britische Krone übernimmt die Herrschaft von Indien. 1877 wird Königin Victoria die Kaiserin von Indien. Vizekönig wird der konservative Lord Lytton, der 1880 nach einer Niederlage in Afghanistan durch den liberalen Lord Ripon ersetzt wird. Königin Victoria versprach zwar Chancengleichheit, jedoch waren die Ausführungsbestimmungen so restriktiv, dass ein Inder nur selten in den Beamtendienst gelangen konnte (vgl. R, 64). Indische Nationalisten, wie zum Beispiel Surendranath Banerjee, beriefen sich auf John Stuart Mill und Herbert Spencer, wenn sie Kritik an der britischen Fremdherrschaft übten. Da diese Philosophen zugleich auch an britisch-indischen Colleges gelesen wurden, konnte die Kritik nicht ohne Weiteres ignoriert werden. Die verschiedenen Strömungen des indischen Nationalismus flossen im All-India National Congress zusammen, der erstmals 1885 abgehalten wurde (vgl. R, 65).

4.5. Die Radikalisierung des indischen Nationalismus:

Lord Curzon hat aufgrund unpopulärer Maßnahmen dem indischen Nationalismus ungewollt Auftrieb verliehen. Unter anderem teilte er 1905 Ost-Bengalen von West-Bengalen ab und schuf auf diese Weise eine muslimische Provinz, was bei den Hindus einen Aufschrei der Empörung verursachte (vgl. R, 67). Die Teilung Bengalens führte im Nationalkongress zu einer verschärften Spannung zwischen Nationalliberalen und Nationalrevolutionären, worauf es 1907 zu einer Spaltung des Nationalkongresses in Gemäßigte und Extremisten kam (vgl. R, 67f.). 1909 wurde eine Verfassungsreform (Morley-Minto Reform) verabschiedet, die die Erwartungen der Gemäßigten enttäuschte, weil man den Indern den Parlamentarismus vorenthielt. Darüber hinaus wurden den indischen Muslimen separate Wählerschaften gewährt, womit gemeint ist, dass die Wählerschaft der indischen Muslime allein indische Muslime wählen konnten. Eine solche Regelung begünstigt jene Politiker, die sich ausschließlich als Vertreter ihrer Gemeinschaft profilieren, indem sie nicht gezwungen sind, andere Wähler anzusprechen, um Stimmen zu gewinnen.

5. Der Freiheitskampf unter der Führung Mahatma Gandhis (vgl. R, 70-89)

5.1. Der Lakhnau-Pakt zwischen Nationalkongress und Muslimliga:

Bal Gangadhar Tilak (1856-1920), der prominenteste Führer der indischen Nationalisten, wurde 1908 zu sechs Jahren Haft verurteilt. 1914 kam er zurück in die indische Politik und schloss 1916 mit Mohammed Ali Jinnah, der primär der Sprecher der Muslim-Diaspora war, einen Pakt hinsichtlich einer „Übereinkunft über die Sitzverteilung in den Landtagen der britisch indischen Provinzen bei der nach dem Krieg zu erwartenden weiteren Verfassungsreform.“ (R, 70f.) Da Edwin Samuel Montagu 1917 jedoch ankündigte, dass es das Ziel der nächsten Verfassungsreform sei, responsible government in Indien einzuführen, kam es unter der Berücksichtigung der separaten Wählerschaft zu einer Perversion dieses Pakts (vgl. R, 71).

5.2. Gandhis Rückkehr aus Südafrika:

Nach Tilaks Tod im Jahr 1920 übernahm Mahatma Gandhi (1869-1948) die Führung des indischen Nationalkongresses. Dessen bisherige Erfahrungen waren geprägt durch seinen Aufenthalt in Südafrika, wo er mit extremen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten konfrontiert wurde, wozu unter anderem der Zulu-Aufstand im Jahr 1906 gehörte, der von den Weißen blutig niedergeschlagen wurde, die ihn beschließen ließen, seinen Beruf als Anwalt aufzugeben und sich künftig allein in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen (vgl. R, 72). Kurz nach seiner radikalen Neurausrichtung seines Lebens konzipierte er eine Form des Widerstands, die er mit dem Ausdruck „satyagraha“ (Festhalten an der Wahrheit) bezeichnete. Nachdem sich Gandhi in Südafrika erfolgreich für die indische Minderheit eingesetzt hatte, kehrte er 1915 im Alter von 46 Jahren nach Indien zurück und war im Nationalkongress entsprechend bekannt und geachtet, blieb zunächst aber eine marginale Gestalt (vgl. R, 73). Während des Krieges konnte er sich nur auf lokaler Ebene für das Wohl seiner Landsleute einsetzen: 1917 mit der Kampagne in Champaran und mit dem Textilarbeiterstreik in Ahmedabad, 1918 mit der Steuerverweigerungskampagne im Bezirk Kaira. Erst nach dem Krieg und dem Wegfall des Kriegsnotstandsgesetzes konnte er sich auf nationaler Ebene einsetzen.

5.3. Der Protest gegen den Rowlatt Act:

Um die Prinzipien des Kriegsnotstandsgesetzes auch in Friedenszeiten anwenden zu können, verabschiedeten die Briten 1919 ein Ermächtigungsgesetz, den sogenannten Rowlatt Act. Auch wenn dieses Gesetz nie angewandt wurde, war es Ausdruck von Undank und Misstrauen der Briten gegenüber den Indern. Gandhi organisierte 1919 eine Satyagraha-Kampagne gegen dieses Gesetz, bei der es zu einem Massaker im Jallianwala Bagh von Amritsar (Panjab) kam: General Dyer befahl seinen Soldaten das Feuer auf eine unbewaffnete Menge von Demonstranten zu eröffnen, was ca. 400 Todesopfer zur Folge hatte. Das ganze Ausmaß der Ereignisse wurde in der indischen Öffentlichkeit aber erst nach und nach bekannt, da eine Nachrichtensperre bestand.

5.4. Die Kampagne der Nichtzusammenarbeit:

Wenige Monate nach der Jahressitzung des Nationalkongresses Ende 1919 führte Gandhi die Nichtzusammenarbeitskampagne des Nationalkongresses und die Khilafat-Kampagne der indischen Muslime (vgl. R, 75). Als die Kampagne 1921 im Sande zu verlaufen drohte, wollte Gandhi zur Kampagne des bürgerlichen Ungehorsams übergehen, setzte ihr jedoch ein Ende, noch ehe sie begonnen hatte, weil es zu einer Gewalttat in Chauri Chaura kam, die Gandhi befürchten ließ, dass die Kampagne in eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt geraten würde. 1922 wurde Gandhi zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er aus gesundheitlichen Gründen nur zwei Jahre verbüßte. Mitte der 1920er Jahre war Gandhi oft krank, was wohl auch psychosomatische Gründe hatte, da ihn seine Zeitgenossen für einen Mann ohne politische Zukunft hielten. 1930 ergab sich jedoch eine neue Konstellation, in der Gandhi als Führer einer nationalen Kampagne wieder Bedeutung gewann.

5.5. Vom Salzmarsch zum Runden Tisch:

Im Nationalkongress formierte sich eine Gruppe um Jawaharlal Nehru und Subhas Chandra Bose, die bereits 1928 eine völlige Unabhängigkeit Indiens forderte und eine entsprechende Resolution durchsetzen wollte. Gandhi hatte um ein Jahr Aufschub gebeten, in der Hoffnung, dass der Vizekönig Lord Irwin mit der britischen Regierung in London in der Konferenz am Runden Tisch über eine entsprechende Erklärung verhandeln würde. Als dieser jedoch nichts bewirkte, verabschiedete der Kongress, dessen Präsident mittlerweile Jawaharlal Nehru war, die Unabhängigkeitsresolution und beauftragte Gandhi, eine Kampagne des bürgerlichen Ungehorsams zu organisieren (vgl. R, 79.) Ein Teil dieser Kampagne steht im Zusammenhang mit der Salzsteuer, die vor allem die Ärmsten in Indien hart betraf. Salz ist im heißen Indien lebenswichtig, doch war selbst das Auflesen von Salz am Meer bei Strafe verboten. Gandhi inszenierte einen Salzmarsch quer durch Gujarat zum Strand von Dandi und machte sich strafbar, als er ein Salzkorn auflas. Was zunächst nur symbolischen Charakter hatte, führte jedoch unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise zu einer Ausweitung in eine Steuer- und Pachtverweigerungskampagne der Bauern. Um einen allgemeinen Bauernaufstand in Indien zu verhindern, versuchte Lord Irwin in fünf langen Gesprächen Gandhi auf seine Seite zu bringen: Im März 1931 schlossen beide den Gandhi-Irwin-Pakt, bei dem Gandhi die Verpflichtung einging, die Kampagne zu suspendieren und an der Konferenz am Runden Tisch in London teilzunehmen. Der Besuch der Verhandlungen in London war jedoch frustrierend und als Gandhi zurück nach Indien kam, wurde er in Pune gefangen gehalten.

5.6. Die Weltwirtschaftskrise und der Kongress der Bauernpartei:

Am Ende des Jahres 1934 verließ Gandhi den Kongress, ohne jedoch an dessen Schicksal keinen Anteil mehr zu nehmen, da für ihn der Kongress keine Partei, sondern ein nationales Forum war. 1936 wurde Jawaharlal Nehru zum Kongresspräsidenten gewählt, der den Kongress bei den Landtagswahlen 1936/37 zu einem großen Wahlerfolg führte. Insbesondere fand Nehru bei den Bauern Zustimmung, die aufgrund der Weltwirtschaftskrise und dem Notverordnungsregime Willingdons ihre Hoffnungen in den Nationalkongress legten. Nehru hatte primär die Absicht, den Freiheitskampf zu intensivieren, wofür die Bauern jedoch kein Verständnis aufbringen konnten. Dieser zwiespältige Umstand führte letztlich dazu, das eine Resolution verabschiedet wurde, der zufolge die Regierungsmitglieder ihre Positionen in den Landesverbänden aufgeben mussten. In diese Positionen rückten nun innerparteiliche Rivalen, insbesondere der Bengale Subhas Chandra Bose, der den kommenden Krieg nutzen wollte, um mit Hilfe der Achsenmächte die britische Fremdherrschaft zu beenden. Gandhi hielt Boses Idee, Hilfe von außen zu holen, für grundsätzlich falsch und stürzte ihn 1939.

5.7. Der Zweite Weltkrieg, die Quit-India-Kampagne und die August-Revolution:

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, unterschrieb Lord Linlithgow, der 1936 Willingdon abgelöst hatte, die Kriegserklärung im Namen Indiens ohne weitere Konsultationen, was politisch unklug war, da er sowohl Gandhi als auch Nehru für eine Unterstützung der Briten im Krieg hätte gewinnen können (vgl. R, 83). Die Kongressregierungen traten zurück und Gandhi organisierte eine Kampagne des individuellen Satyagraha, bei der insgesamt 25000 Satyagrahas verhaftet wurden. Bis 1941 verlief der Krieg in Indien ohne besondere Ereignisse, doch änderte sich die Lage dramatisch, als sich im Frühjahr 1942 die Japaner wie ein Taifun Indien näherten (vgl. R, 83f.). Sir Stafford Cripps machte dem Kongress ein Angebot – Dominion-Status nach dem Krieg bei sofortiger Bildung einer nationalen Regierung –, das der Kongress jedoch ablehnte (vgl. R, 84). Um ein Zeichen zu setzen, plante Gandhi daraufhin die Quit-India-Kampagne und gab ihr die Losung „Tat oder Tod“ (Do or die), doch wurde die gesamte Kongressführung von Linlithgow verhaftet, noch ehe es zu Handlungen kam (vgl. R, 85). Kurz nach Gandhis Verhaftung begann die junge Generation des Kongresses im Alleingang mit einer Rebellion, die von den Briten leicht niedergeschlagen wurde und als August-Revolution bekannt wurde, weil sie in diesem Monat stattfand. Der weitere Kriegsverlauf konnte von den Briten in Indien ruhig ausgesessen werden, da sich das Kriegsunglück in der folgenden Zeit den Alliierten zuwandte.

VI. Die Tragödie der Teilung in Indien und Pakistan (vgl. R, 90-100)

6.1. Jinnah und Pakistan:

Gegen Ende des Krieges war Muhammad Ali Jinnah in eine sehr dominante Position geraten, die er vor allem seinem Verrat an der muslimischen Diaspora zu verdanken hatte, bei der es sich um die muslimischen Minderheitsgebiete handelte, die nach einer Teilung in Indien verbleiben würden. Der Verrat an dieser Diaspora fand auf der Sitzung der Muslimliga in Lahore im Jahr 1940 statt, als Jinnah eine Resolution zur Gründung Pakistans verabschieden ließ und sich in Form einer Verkündung der Zwei-Nationen-Theorie zum nationalen Führer der Mehrheitsprovinzen der Muslime profilierte. Gandhi, der am 6. Mai 1944 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis entlassen wurde, wollte im Alleingang Jinnah zur Rede stellen, „indem er ihn Pakistan konzedierte, aber über die Rahmenbedingungen der Teilung sprechen wollte.“ (R, 92.) Die Gespräche scheiterten jedoch und Gandhi setzte sich zukünftig nie wieder mit Jinnah an einen Verhandlungstisch (vgl. R, 93). Einen weiteren Erfolg konnte Jinnah im Zuge seiner Veto-Politik bei der von Vizekönig Lord Wavell einberufenen Konferenz in Simla im Juli 1945 verbuchen. Bei dieser Konferenz ging es um die Bildung einer Interimsregierung, der Jinnah jedoch ein Veto entgegensetzte, dem sich Wavell aufgrund der Vorgaben der britischen Regierung unter Churchill nicht widersetzen durfte (vgl. R, 93). Kurz nach der Konferenz in Simla verlor Churchill die Wahlen und die Larbour Party bildete mit Clement Atlee als Premierminister die neue Regierung. Wavell wurde nun geraten, Wahlen abzuhalten, deren Ergebnis Jinnah jedoch noch mehr stärkten und ihn darin bestätigten, seine Veto-Politik weiter auszuüben (vgl. R, 88). Daraufhin sandte Wavell einen Breakdown Plan nach London, demzufolge er einen Rückzug der britischen Truppen aus Indien vorhatte und das Land sich selbst überlassen wollte (vgl. R, 88). Die britische Regierung, die auf diesen Plan völlig entsetzt reagierte, sandte im März 1946 eine Cabinett Mission – bestehend aus Sir Stafford Cripps, Lord Pethick-Lawrence und Lord Alexander – nach Indien, die jedoch nur unverbindliche Empfehlungen aussprach. In dieser chaotischen Situation setzte sich Wavell schließlich über Jinnahs Veto-Politik hinweg und beauftragte im August 1946 Jawaharlal Nehru mit der Bildung einer Interimsregierung (vgl. R, 88). Jinnah erklärte daraufhin den 16. August 1946 zum Tag der direkten Aktion (Direct Action Day), an dem in fast allen Teilen Indiens allerdings nichts geschah. In Kalkota hingegen hatte der muslimische Politiker Huseyn Shaheed Suhrawardy ein großes Massaker geplant, das vor allem die hinduistischen Arbeiter aus Bihar betraf (vgl. R, 94). Dieses Massaker war der Auftakt zu vielen weiteren Massenmorden und Massenfluchten, die in Indien im Zuge der Teilung stattfanden (vgl. R, 94).

6.2. Lord Louis Mountbatten und die Vivisektion Indiens:

Lord Louis Mountbatten war der letzte britische Vizekönig von Indien, der zugleich mit größeren Vollmachten ausgestattet war, als sie je ein Vizekönig zuvor hatte. Er war von der Notwendigkeit einer Teilung Indiens überzeugt, wusste zunächst aber nicht, wie sie durchgeführt werden sollte (vgl. R, 89). Als ihm der Teilungsplan mit dem Namen „Plan Balkan“ aus London zugestellt wurde, der zu einer Balkanisierung Indiens geführt hätte, zeigte er ihn Nehru, der ihn empört ablehnte und vor dem Hintergrund dieses abschreckenden Vorschlags lieber einer Teilung in Indien und Pakistan in Form eines administrativen Akts der scheidenden Briten zustimmte, obwohl Gandhi eine solche Teilung als Vivisektion Indiens bezeichnet hatte (vgl. R, 89 und 95). Jinnah musste sich mit dem Pakistan zufrieden geben, das ihm gewährt wurde, da er andernfalls – wie es ihm Churchhill in einem Brief mitteilte – keine Unterstützung mehr durch die Konservative Partei erfahren hätte (vgl. R, 95). Am 14. August 1947 wurde Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen, einen Tag später dann Indien. Mountbatten blieb als Generalgouverneur in Indien, während Jinnah diesen Posten in Pakistan antrat. Nach Bekanntgabe der Grenze im Panjab, kam es auf beiden Seiten zu Ausschreitungen, bei denen ganze Flüchtlingszüge leergemordet wurden (vgl. R, 96).

6.3. Das Kaschmirproblem und die Ermordung Gandhis:

Das größte Problem der neuen Regierung war der Konflikt, der aus dem Anschluss Kaschmirs an Indien resultierte (vgl. R, 96). Da sich die Teilung allein auf Britisch-Indien bezog, durften die Fürstenstaaten selber entscheiden, ob sie den Weg in die Unabhängigkeit wagen wollen oder sich einem Dominion anschließen wollen (vgl. R, 96). Während sich die meisten dieser Staaten unmittelbar für einen Anschluss entschieden, zögerte Kaschmir mit einem Anschluss (vgl. R, 96-97). Als jedoch pakistanische Freischärler in Kaschmir einfielen, bat der hinduistische Maharaja um die Hilfe Indiens, doch war Mountbatten nur dann bereit, Hilfe zu leisten, wenn sich Kaschmir Indien anschließen würde, woraufhin sich der Maharaja fügte (vgl. R, 97). Während sich die Lage verschärfte und reguläre pakistanische Truppen in die Kämpfe eingriffen, stand in New Delhi die Teilung der Staatskasse an (vgl. R, 97). Der Innenminister Patel sah unter diesen Bedingungen nicht ein, weshalb man Pakistan finanziell unterstützen sollte, doch setzte sich Gandhi für eine gerechte Teilung ein und Patel gab nach (vgl. R, 97). Einige junge fanatische Hindu-Nationalisten beschuldigten Gandhi daraufhin des Hochverrats, wovon einer, Nathuram Godse, Gandhi am 30. Januar 1948 auf einer Gebetsversammlung erschoss (vgl. R, 97).

6.4. Die Außenpolitik Pakistans:

Pakistan, das aus zwei durch Indien voneinander getrennten Landesteilen – Ost- und Westpakistan – bestand, war ein äußerst labiles Staatsgebilde, das sich wesentlich als ein Gegenstaat zu Indien definierte (vgl. R, 98). Die Muslime aus dem Panjab bilden bis heute den Grundstock der pakistanischen Armee, die zugleich – in Ermangelung einer demokratischen Entwicklung – den Träger der politischen Herrschaft bildet (vgl. R, 98). Dementsprechend hat sich auch die Außenpolitik Pakistans gestaltet. Da sich Indien dem amerikanischen Paktsystem verweigerte und die Amerikaner Pakistan als ein Bollwerk gegen den Kommunismus ansahen, konnte sich Pakistan mit amerikanischer Hilfe gegen Indien aufrüsten (vgl. R, 99). Bis zum Tod von Nehru hielt Pakistan still, aber 1965 wollte der Militärdiktator Ayub Khan im Zweiten Indisch-Pakistanischen Krieg das Kaschmirproblem gewaltsam lösen (vgl. R, 99). Indien konnte die pakistanische Armee besiegen und auf der Konferenz in Taschkent musste Ayub Khan eine Gewaltverzichtserklärung unterschreiben (vgl. R, 99). Seit 1966 stellte Ost-Pakistan, das von West-Pakistan wie eine Kolonie behandelt wurde, Autonomieforderungen an Ayub Khan (vgl. R, 99). Als der neue Militärdiktator Yahya Khan erstmalig in der Geschichte Pakistans allgemeine Wahlen abhielt, führte dies zu einer Beschleunigung der Sezession Bangladeshs, die 1971 ein letztes Mal vergeblich von der Panjabi-Armee im Bangladesch-Krieg unterdrückt werden sollte (vgl. R, 99). Dieser Krieg wurde durch das Eingreifen der indischen Armee beendet und hatte zur Folge, dass Zulfiqar Ali Bhutto, der neue Präsident Pakistans, 1972 in Simla Indira Gandhi bescheinigen musste, alle zukünftigen Konflikte ausschließlich in bilateralen Verhandlungen zu lösen (vgl. R, 99). Um die Parität mit Indien auf andere Weise herzustellen, begann Bhutto mit einem nuklearen Rüstungsprogramm, das sich zu einem nuklearen Wettrüsten zwischen Indien und Pakistan entwickelte, aber zu keiner Stabilisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten führte (vgl. R, 100). So kam es im Mai 1999 zum Überfall auf indische Stellungen bei Kargil, den die Inder abwehren konnten, ohne die Line of Control zu überschreiten (vgl. R, 100). Da die Lage Pakistans labil ist, könnte ein Zusammenbruch dieses Atomstaats schlimmere Folgen haben, als die Teilung bisher nach sich zog.

7. Die Wirtschaft und Politik der Republik Indien (vgl. R, 101-107)

Die Republik Indien wurde am 26. Januar 1950 mit dem Inkrafttreten ihrer Verfassung geboren. Seitdem hat sich die Bevölkerung verdreifacht und das Pro-Kopf-Einkommen mehr als verdoppelt. Die Agrarproduktion ist ausreichend, um über eine Milliarde Menschen zu ernähren.

7.1. Die Veränderungen der politischen Struktur und der Aufstieg der «Mittelklasse»:

Zunächst war die Kongresspartei, die seit der Wirtschaftskrise eine Bauernpartei war, die staatstragende und staatsgetragene Partei an der Macht (vgl. R, 102). Mit der Zeit stieg die rechte Bharatiya Janata Party (BJP) auf. Ihr Aufstieg war gefördert von der Artikulation regionaler politischer Interessen und vom Wachstum der Mittelklasse, wobei der Ausdruck „Mittelklasse“ die oberen zehn Prozent der indischen Gesellschaft bezeichnet, die immerhin 100 Millionen umfassen. Diese Mittelklasse besteht im Wesentlichen aus urbanen Gehaltsempfängern und reicheren Bauern, die von der Grünen Revolution profitierten.

7.2. Die Bharatiya Janata Party und die Kongresspartei:

Die BJP vertritt einen Hindu-Nationalismus, der allerdings aufgrund der Vielfalt des Hinduismus schwer zu definieren ist (vgl. R, 104). Der Hindu-Nationalismus fand u. a. 1992 in den Unruhen um den Ram-Tempel in Ayodhya und 2002 in einem Pogrom in Gujarat seinen Ausdruck. Die Kongresspartei hat die Unterstützung der Mittelklasse verloren, weil sie die großen Minderheiten, Muslime und Dalits, hofierte (vgl. R, 104).

7.3. Wirtschaftsreform und Staatsfinanzen:

Die Bundesländer sind auf Transferleistungen der Zentralregierung angewiesen, die jedoch unter dem Regime der Strukturanpassung seit 1991 reduziert wurden. Die Reform von 1991 war die Folge einer Zahlungsbilanzkrise.

1950 wurde eine Planungskommission geschaffen, die mittlerweile zu einem Superministerium mit Tausenden von Mitarbeitern geworden ist (vgl. R, 107). Der Planungskommission steht die Finanzkommission gegenüber, „die alle fünf Jahre Empfehlungen für den Bund-Länder-Finanzausgleich vorlegt.“ (R, 107.)

8. Die Außenpolitik der Republik Indien (vgl. R, 108-115)

8.1. Die afro-asiatische Solidarität und der chinesische Angriff auf Indien:

Indien hatte gerade seine Unabhängigkeit errungen, als der Kalte Krieg begann, weshalb es Nehru vermeiden wollte, Indien in ein Lager zu bringen und die gerade erworbene Unabhängigkeit zu riskieren. Deswegen unterstützte er die Bewegung der afro-asiatischen Solidarität, die von Vertretern derjenigen Nationen organisiert wurde, welche jüngst ihre Unabhängigkeit von den Kolonialmächten errungen hatten. „Die antikoloniale Stoßrichtung wurde [jedoch] überflüssig, als nach 1960 auch die meisten afrikanischen Kolonien die Unabhängigkeit erlangten.“ (R, 109.) Zudem trat Indien aufgrund eines Angriffs von China im Jahr 1962 in eine engere Beziehung zur Sowjetunion.

8.2. Die Bewegung der Bündnisfreien:

1956 hatten sich Nasser, Nehru und Tito getroffen und die Bewegung der Bündnisfreien ins Leben gerufen (vgl. R, 109f.). Als Indien im Grenzkrieg mit China eine Niederlage erlitt und Nehru genötigt war, britische und amerikanische Militärhilfe anzunehmen, wurde Nehrus Führungsrolle dieser Bewegung kompromittiert und die Euphorie war verflogen (vgl. R, 110).

8.3. Indiens Aufstieg zur Regionalmacht in Südasien:

Nach Nehrus Tod wurde die indische Außenpolitik, die zunächst in weltpolitischen Dimensionen konzipiert war, im Gang der Ereignisse durch eine Politik der regionalen Hegemonie ersetzt (vgl. R, 111). 1965 gewann Indien den Krieg, den Pakistan ihm aufgezwungen hatte. In der Folge kam es zur Sezession Bangladeshs. Von Bangladesh ging die Anregung zur Gründung der SAARC aus, die Indien ebenfalls unterstützte.

8.4. Der Kaschmirkonflikt und die Gefahr einer nuklearen Eskalation:

Der Kaschmirkonflikt, dessen Entstehung im Kapitel 6.3. bereits beschrieben wurde, führte dazu, dass Indien und Pakistan seit den 1970er Jahren einen nuklearen Rüstungswettlauf betrieben haben (vgl. R, 112). Da dieser Konflikt nach wir vor nicht gelöst ist, hat Indien stets eine nukleare Eskalation zu befürchten (vgl. R, 112-113).

8.5. Das Verhältnis zwischen Indien und den USA:

Nach dem Ende des Kalten Krieges begann sich die indische Regierung zaghaft den USA zu nähern, während die indische Gesellschaft schon längst enge Beziehungen zu Amerika unterhielt (vgl. R, 114). Die politischen Beziehungen blieben u. a. kühl, weil die USA eine Vorliebe für China und Pakistan zeigte. Erst im Jahr im Jahr 2000 kam es zu einer Wende, als Präsident Clinton Indien besucht und es gegen Pakistan unterstützt. 2005 gelang Präsident Bush ein Brückenschlag, als er Manmohan Singh einen nuclear deal anbot. Daneben ging Indien Vereinbarungen über eine engere militärische Zusammenarbeit ein, was seinen Grund auch darin hat, dass die USA Indien als ein Gegengewicht zu China sehen.

  • Asienhaus: Website der Stiftung Asienhaus.
  • Deutsch-Indische Gesellschaft e.V. (DIG): Website der DIG, die 1953 zur Pflege der Beziehungen zwischen Indien und Deutschland gegründet wurde.
  • Dossier Indien: Das Dossier Indien ist ein Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), das ausführliche Artikel zur Geschichte, Kultur, Religion, Politik und Wirtschaft Indiens enthält.
  • Südasien-Institut (SAI): Website des SAI, das 1962 als ein interdisziplinäres Zentrum für Forschung und Lehre über Südasien gegründet wurde.
  • The Inder: Indien-Portal für Deutschland, herausgegeben von Indien Netzwerk e.V.
  • Warum Gandhi nicht als Vorbild für Wutbürger taugt: Zeitungsartikel von Dietmar Rothermund anlässlich der Herausgabe einer fünfbändigen Ausgabe von ausgewählten Werken Gandhis.

Literatur

Weiterführende Literatur:

  • Bechert , Heinz (Hrsg.): Der Buddhismus: Geschichte und Gegenwart, München: C. H. Beck, 2008.
  • Drèze, Jean / Sen, Amartya: Indien: Ein Land und seine Widersprüche, München: C. H. Beck, 2014.
  • Franz, Heinrich Gerhard: Das alte Indien: Geschichte und Kultur des indischen Subkontinents, München: Bertelsmann, 1990.
  • Frauwallner, Erich: Geschichte der indischen Philosophie, 2 Bände, Aachen: Shaker, 2003.
  • Hinüber, Oskar von: Indiens Weg in die Moderne: Geschichte und Kultur im 19. und 20, Jahrhundert, Aachen: Shaker, 2005.
  • Kulke, Hermann / Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens: Von der Induskultur bis heute, München: C. H. Beck, 1998.
  • Kulke, Hermann: Indische Geschichte bis 1750, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005.
  • Mann, Michael: Geschichte Indiens: Vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, Paderborn: Schöningh, 2005.
  • Michaels, Axel: Der Hinduismus: Geschichte und Gegenwart, München: C. H. Beck, 2012.
  • Rothermund, Dietmar: Indien: Aufstieg einer asiatischen Weltmacht, München: C. H. Beck, 2008.
  • Rothermund, Dietmar: Gandhi und Nehru: Zwei Gesichter Indiens, Stuttgart: Kohlhammer, 2010.
  • Rothermund, Dietmar: Gandhi: Der gewaltlose Revolutionär, München: C. H. Beck, 2., durchgesehene Auflage, 2011.
  • Witzel, Michael: Das alte Indien, München: C. H. Beck, 2003.