Erich Fromm: Haben oder Sein

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm (1900-1980) hat im Jahr 1976, vier Jahre vor seinem Tod, mit „Haben oder Sein“ eines seiner berühmtesten Bücher veröffentlicht. Das Buch trägt den Untertitel „Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“. Diese Grundlagen diskutiert Fromm mittels einer Analyse der Existenzweise des Seins, die er der Existenzweise des Habens, welche in unserer Gesellschaft dominiert, gegenüberstellt: Nur in dem Maße, wie es gelingen wird, die Existenzweise des Habens durch diejenige des Seins zu ersetzen, haben wir eine Chance, den Katastrophen, auf die unsere gegenwärtige Gesellschaft zusteuert, zu entgehen. Fromm illustriert seine Überlegungen unter anderem anhand des Alten und Neuen Testaments und den Schriften von Meister Eckhart und Karl Marx.

Inhalt

Vorwort & Einführung (vgl. F, 11-26)

I. Erste Überlegungen zum Verständnis der Alternative von Haben und Sein

1. Prima-facie-Überlegungen (vgl. F, 29-43)
2. Haben und Sein in der Erfahrung des alltäglichen Lebens (vgl. F, 44-65)
3. Haben und Sein in der Bibel und in den Schriften Meister Eckharts (vgl. F, 66-85)

II. Analyse der Existenzweisen des Habens und des Seins

4. Die Existenzweise des Habens (vgl. F, 89-108)
5. Die Existenzweise des Seins (vgl. F, 109-133)
6. Weitere Aspekte von Haben und Sein (vgl. F, 134-160)

III. Der neue Mensch und die neue Gesellschaft

7. Religion, Charakter und Gesellschaft (vgl. F, 163-204)
8. Wandel des Menschen und Wesensmerkmale des neuen Menschen (vgl. F, 205-210)
9. Wesensmerkmale der neuen Gesellschaft (vgl. F, 211-247)

Links
Literatur

Vorwort & Einführung (vgl. F, 11-26)

Das Thema des Buches:

„Haben oder Sein“ ist eine Fortsetzung und Erweiterung früherer Schriften Erich Fromms in Hinblick auf (1) die Analyse von Selbstsucht und Altruismus im Rahmen einer radikal-humanistischen Psychoanalyse und (2) die Überlegungen zur Krise der heutigen Gesellschaft und der Möglichkeiten, diese Krise zu lösen (vgl. F, 11). Das zentrale Thema von „Haben oder Sein“ ist die empirisch-psychologische und gesellschaftliche Analyse der Existenzweisen des Habens und des Seins (vgl. F, 11).

Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts und das Ausbleiben ihrer Erfüllung:

Seit Beginn des Industriezeitalters bildete sich eine Fortschrittsreligion, deren Kern die „Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete“ (F, 14). Der großen Verheißung des unbegrenzten Fortschritts folgt jedoch die heutige Einsicht in das Ausbleiben ihrer Erfüllung, die Erich Fromm mit folgenden Punkten umreißt: (1) Uneingeschränkte Befriedigung von Wünschen und größtmögliches Vergnügen gehen nicht mit Wohl-Sein und Freude einher, (2) der Traum eines unabhängigen Lebens steht der Tatsache gegenüber, dass wir zu Rädern in einer bürokratischen Maschine geworden sind, (3) unsere Gedanken, Gefühle und unser Geschmack werden von Massenmedien, Industrie- und Staatsapparat manipuliert, (4) der wirtschaftliche Fortschritt erstreckt sich nur auf wenige Nationen, (5) der technische Fortschritt geht mit extremen ökologischen Gefahren einher (vgl. F, 14).

Die beiden Prämissen des Industrialismus als Ursache für das Ausbleiben seiner Verheißungen:

Die beiden psychologischen Prämissen des Wirtschaftssystems, die Erich Fromm als Ursache für das Ausbleiben seiner Verheißungen identifiziert, sind die Folgenden: (1) Der radikale Hedonismus, dem zufolge ein Maximum an Lust und Vergnügen das Ziel des Lebens sei und (2) der grenzenlose Egoismus als Motor des Systems (vgl. F, 15-19). Diese beiden Prämissen wurden aus zwei Gründen zu Leitprinzipien ökonomischen Verhaltens: (1) Zum einen fasste man das Wirtschaftssystem als ein autonomes Ganzes auf, das unabhängig von ethischen Überlegungen verstanden werden müsse, zumal man der Überzeugung war, dass das Wachstum des Systems stets das Wohl des Menschen fördere, (2) zum anderen rechtfertigte man den Fokuswechsel vom Menschen auf das Wirtschaftssystem, indem man davon ausging, dass dasjenige, was das System benötige, zugleich dasjenige sei, was die Natur des Menschen ohnehin mitbringe (vgl. F, 19-21).

Die Gründe für die Notwendigkeit einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen:

In den bisherigen Überlegungen wurde für eine Veränderung des Menschen argumentiert, indem gezeigt wurde, dass diejenigen Eigenschaften, die im gegenwärtigen wirtschaftlichen System gefordert und gefördert werden, zugleich diejenigen Eigenschaften sind, die die Verheißungen des Systems vereiteln. Ein weiteres Argument bilden jene Prognosen des Club of Rome, denen zufolge das nackte Überleben der Menschheit gefährdet ist, wenn es zu keiner grundlegenden Wandlung der Charakterstruktur des Menschen kommt (vgl. F, 22).

Die Gründe für die mangelnde Anstrengung hinsichtlich einer Veränderung des Menschen:

Erich Fromm nennt folgende Gründe für den Mangel an ernsthaften Anstrengungen einer entsprechenden Veränderung: (1) Man beruhigt sein Gewissen, indem man sich durch end- und wirkungslose Konferenzen, Resolutionen und Verhandlungen einredet, etwas zu unternehmen, (2) da die Selbstsucht ein wesentlicher Moment der heutigen Ethik ist, ist von den gegenwärtigen Staats- und Wirtschaftsführern kaum zu erwarten, dass sie altruistische Ziele verfolgen, (3) der Einzelne ist aufgrund von Selbstsucht und Bequemlichkeit nicht bereit, die entsprechende Arbeit zu leisten, um die kommende Katastrophe abzuwehren, (4) es gibt die weitverbreitete Ansicht, dass es keine Alternativen zum Kapitalismus, zum sozialdemokratischen bzw. sowjetischen Sozialismus oder zum technokratischen Faschismus gebe (vgl. F, 24-26).

I. Erste Überlegungen zum Verständnis der Alternative von Haben und Sein

1. Prima-facie-Überlegungen (vgl. F, 29-43)

Die Alternative zwischen Haben und Sein als entscheidendstes Problem der menschlichen Existenz:

Zunächst scheint es so, als bestehe das Wesen des Seins im Haben, da wir Dinge haben müssen, um leben zu können (vgl. F, 29). Demgegenüber haben jedoch Menschen wie Jesus, Buddha, Meister Eckhart oder Karl Marx die Alternative zwischen Sein und Haben zur Kernfrage eines guten Lebens gemacht (vgl. F, 29). Erich Fromm hat mit Hilfe der psychoanalytischen Methode die empirischen Grundlagen dieser Unterscheidung untersucht, die sich hierbei als das entscheidendste Problem der menschlichen Existenz darstellte (vgl. F, 30).

Haben oder Sein – Alfred Tennyson oder Basho:

Den Unterschied zwischen der Existenzweise des Habens und der Existenzweise des Seins verdeutlicht Erich Fromm anhand zweier Gedichte von Alfred Tennyson und Basho, in denen zwei grundlegend verschiedene Beziehungen des Menschen zu einer Blume beschrieben werden: In Tennysons Gedicht will das lyrische Ich die Blume und das mit ihr verbundene Wissen besitzen, während es sich in Bashos Gedicht am bloßen Anblick der Blume erfreut (vgl. F, 30-35). Zwar kommen Tennyson und Basho aus zwei verschiedenen Kulturen, doch betont Erich Fromm, dass der Unterschied zwischen Haben und Sein kein Unterschied zwischen westlichem und östlichem Denken darstellt, sondern zwischen Gesellschaften, in welchen Habgier und Eigentum die zentralen Motive bilden, und Gesellschaften, in denen das nicht der Fall ist (vgl. F, 34-35).

Verwendungsweisen der Ausdrücke „haben“ und „sein“:

Im Folgenden stellt Erich Fromm einige Überlegungen zum Sprachgebrauch und zur Etymologie hinsichtlich der Ausdrücke „haben“ und „sein“ an. So macht er u. a. darauf aufmerksam, dass es zu einer Abnahme von Tätigkeitswörtern in unserem Sprachgebrauch gekommen ist, wie es sich in Formulierungen wie zum Beispiel „Ich habe ein Problem“ anstelle von „Ich bin besorgt“ zeigt, in denen die subjektive Erfahrung der Sorge nicht mehr zum Ausdruck gebracht wird (vgl. F, 35-37). Das vorläufige Fazit dieser Überlegungen umfasst drei Aspekte: (1) Die Begriffe SEIN und HABEN sollen in Erich Fromms Überlegungen nicht zur Formulierung von Eigenschaften eines Subjekts dienen, vielmehr handelt es sich um zwei grundlegende Existenzweisen, d. h. zwei verschiedene Verhältnisse des Menschen zu sich und zur Welt; (2) die Existenzweise des Habens ist eine Relation des Besitzergreifens und Besitzens; (3) die Existenzweise des Seins umfasst zwei Formen: (i) die Form des Seins als authentische Bezogenheit zur Welt, (ii) die Form des Seins als Gegenteil von Schein (vgl. F, 39-40).

Philosophische Untersuchungen zum Begriff des Seins:

Die philosophische Diskussion des Seins-Begriffs dreht sich u. a. um die Frage, ob das Sein eine bleibende, zeitlose und unveränderliche Substanz ist (Parmenides) oder ob das Sein gleichbedeutend mit Werden ist (Heraklit). Erich Fromm nimmt die Position von Heraklit ein, insofern er betont, dass er seine Betrachtungen auf die Realität lebender Menschen richtet, d. h. auf lebende Strukturen, die existieren, indem sie sich verändern (vgl. F, 41).

Der Konsument der heutigen Überflussgesellschaft als ein ewiger Säugling:

Abschließend weist Erich Fromm auf Konsum bzw. Einverleibung als weitere Erscheinungsweisen des Habens hin. Eine Einverleibung muss nicht physisch stattfinden, sondern kann sich auch symbolisch oder magisch vollziehen (vgl. F, 41-42). Die Konsumentenhaltung der heutigen Überflussgesellschaft deutet Erich Fromm als eine des ewigen Säuglings, der nach der Flasche schreit (vgl. F, 42).

2. Haben und Sein in der Erfahrung des alltäglichen Lebens (vgl. F, 44-65)

Die Alternative zwischen Haben und Sein erläutert Erich Fromm im zweiten Kapitel anhand von acht Beispielen aus dem täglichen Leben.

(1) Lernen:

Lernen in der Existenzweise des Habens ist eine bloße Akkumulation von Wissen durch einprägen und aufschreiben, während der Lernvorgang in der Weise des Seins durch ein freies und aktives Interesse und durch eine Aktivierung eigener Denkprozesse gekennzeichnet ist, die den Lernenden verändern (vgl. F, 44-46).

(2) Erinnern:

Erinnern im Modus des Habens vollzieht sich in rein logischen oder mechanischen Verbindungen, während das Erinnern in der Weise des Seins ein produktiver Akt des Denkens oder Fühlens ist, bei dem „etwas ins Leben zurückgerufen [wird], was man einmal gesehen oder gehört hat.“ (F, 48.)

(3) Miteinander sprechen:

In einem Gespräch im Modus des Habens besteht jeder auf seiner Meinung: Die Argumente und Informationen, das Wissen und der Status, die in solch einem Gespräch mitgeteilt werden, dienen lediglich der Verteidigung der eigenen Position; ein Gespräch im Modus des Seins zeichnet sich hingegen durch eine Offenheit für den anderen und dessen Ideen aus, so dass es keine Rolle spielt, wer recht hat (vgl. F, 50-51).

(4) Lesen:

Das Lesen im Modus des Habens zeichnet sich durch eine bloße Konsumhaltung aus, in der es allein darum geht, Wissen und Informationen anzusammeln oder in Tagträume zu verfallen, während sich das Lesen im Modus des Seins als Zwiesprache zwischen Leser und Autor gestaltet (vgl. F, 51-53).

(5) Autorität ausüben:

Autorität, die im Sein verankert ist, basiert nicht bloß auf sozial anerkannten Fähigkeiten bzw. Kompetenzen, sondern ebenso auf der Persönlichkeit des Menschen, die so hoch entwickelt ist, dass dieser Mensch Autorität ausstrahlt, „ohne drohen, bestechen oder Befehle erteilen zu müssen“ (F, 55). Eine Autorität, die im Haben verankert ist, stützt sich hingegen allein auf sozialen Status und äußerliche Symbole (vgl. F, 55-57).

(6) Wissen:

Wissen in der Existenzweise des Habens ist ein bloßer Besitz von Informationen, der durch noch mehr Informationen erweitert wird, während Wissen in der Existenzweise des Seins Teil eines produktiven Denkprozesses ist, bei dem es wesentlich darum geht, tieferes Wissen zu erlangen (vgl. F, 57-59).

(7) Glauben:

Der Glaube im Modus des Habens stellt ein Besitz von Antworten dar, die man nicht selbst gefunden hat, sondern von anderen Menschen übernommen hat, weil man nicht den Mut hatte, sich selbst auf die Suche zu machen, während der Glaube im Modus des Seins primär eine Einstellung bzw. innere Orientierung ist, die durch eine innere Erfahrung und nicht durch Unterwerfung unter eine Autorität gewonnen wird (vgl. F, 59-62).

(8) Lieben:

Die Liebe in der Weise des Seins ist ein produktives Tätigsein, dass sich darin zeigt, für den anderen „zu sorgen, ihn zu kennen, auf ihn einzugehen, ihn zu bestätigen, sich an ihm zu freuen“ (F, 63). Im Gegensatz dazu zeigt sich die Liebe in der Weise des Habens darin, „das Objekt, das man »liebt«, einzuschränken, gefangenzunehmen oder zu kontrollieren“ (F, 63).

3. Haben und Sein in der Bibel und in den Schriften Meister Eckharts (vgl. F, 66-85)

Haben und Sein im Alten Testament:

Erich Fromm weist darauf hin, dass ein zentrales Thema des Alten Testaments in der Befreiung von Fesseln bzw. von einem am Haben orientierten Leben liegt. Das Schlüsselsymbol dieser Befreiung ist die Wüste: „Sie ist kein Zuhause, sie hat keine Städte, sie hat keine Reichtümer, sie ist das Land der Nomaden, die haben, was sie brauchen, das heißt nur das Lebensnotwendige, keine Besitztümer.“ (F, 66.) In variierter Form drückt sich diese Idee im Sabbat aus: Es handelt sich um einen „Tag des Waffenstillstandes im Kampf des Menschen mit der Natur.“ (F, 69.) Wie der Sabbat stellt auch die Vision der Messianischen Zeit eine Existenzweise in den Mittelpunkt, „in der Besitz bedeutungslos, Angst und Krieg überwunden und die Ausübung der dem Menschen eigenen Kräfte das Ziel des Lebens sein würde.“ (F, 70.)

Haben und Sein im Neuen Testament:

In den ältesten Teilen des Evangeliums zeigt sich der revolutionäre Geist des Frühchristentums am deutlichsten: Das zentrale Postulat dieser Texte lautet, dass sich der Mensch radikal vom Haben befreien müsse – sowohl hinsichtlich seines Haben-Verhältnisses zu Dingen als auch zu Menschen (vgl. F, 73-74). Diese Ablehnung der Habenorientierung zeigt sich in der Folge – wenn auch in einer weniger starken Radikalität – in den Schriften der Kirchenväter und in der Tradition des Mönchtums (vgl. F, 76-78).

Haben und Sein in den Schriften Meister Eckharts:

Den Begriff des Habens entwickelt Eckhart im Zusammenhang mit dem Begriff der Armut. Er unterscheidet hierbei zwischen innerer (geistiger) Armut und äußerer (materieller) Armut. Ein Mensch ist in Eckharts Bestimmung innerlich arm, wenn er (a) nichts will, (b) nichts weiß und (c) nichts hat: Nichts zu wollen bedeutet keine Begierde nach irgendetwas zu haben; nichts zu wissen bedeutet das Wissen nicht als Besitz anzusehen, an den man sich wie an ein Dogma klammert; nichts zu haben bedeutet, an das, was wir tun und besitzen nicht gefesselt zu sein (vgl. F, 79-82). In anderer Hinsicht beschreibt Eckhart das Problem des Habens im Zusammenhang mit der Freiheit: Freiheit bedeutet Ungebundenheit von Besitz, Werken und dem eigenen Ich (vgl. F, 82-83). Den Ausdruck „Sein“ verwendet Eckhart in zweierlei Weise: (a) Zum einen bezeichnet „Sein“ den Geist, der uns bewegt, die oft unbewussten Motivationen, die uns antreiben und den Charakter, der unser Verhalten bestimmt; (b) zum anderen bezeichnet dieser Ausdruck den Vorgang des Ausfließens, des Verströmens, der Produktivität, des Sich-Selbst-Gebärens, dem die völlige Überwindung der Existenzweise des Habens vorausgehen muss (vgl. F, 83-85).

II. Analyse der Existenzweisen des Habens und des Seins

4. Die Existenzweise des Habens (vgl. F, 89-108)

Erwerben, Besitzen und Gewinnmachen:

Die Normen, die unsere Gesellschaft auszeichnen und den Charakter ihrer Mitglieder prägen, umfassen die Aspekte Privateigentum, Macht und Profit, was sich im Verhalten der Menschen zeigt, Eigentum zu erwerben, zu behalten und zu vermehren (vgl. F, 89-91). Erich Fromm macht deutlich, dass sich diese Verhaltensweisen nicht nur auf materielle Dinge beziehen, sondern auch auf Freunde, Liebespartner, Gesundheit, Krankheiten, Ideen, Überzeugungen, Gewohnheiten oder sich selbst – das eigene Ich –, um „seine Energie in den Dienst des eigenen Erfolgs zu stellen.“ (F, 91.) Materielle Gegenstände wie zum Beispiel Autos, aber auch Personen wie „mein Zahnarzt“, „mein Therapeut“, „mein Anwalt“ etc., funktionieren hierbei primär als Statussymbole und Marketinginstrumente für die eigene Persönlichkeit (vgl. F, 93-94). Entsprechend handelt es sich bei Aussagen der Form „Ich habe X“ in letzter Konsequenz um Definitionen der eigenen Identität: „Das Subjekt bin nicht ich selbst, sondern ich bin, was ich habe.“ (F, 98.)

Haben, Gewalt und Rebellion:

Eine Gesellschaft, in der Ausbeutung und Unterdrückung eine große Rolle spielen, steht vor der schwierigen Aufgabe, den Willen eines Menschen zu brechen, ohne dass es dieser merkt (vgl. F, 99-100). Zwar ist es durch einen komplizierten Prozess der Indoktrination möglich, dem einzelnen Menschen die gesellschaftlichen Denk- und Gefühlsmuster aufzunötigen, jedoch wird es immer wieder zu Rebellionen in Form von geistig-seelischen Störungen kommen, wenn es sich um ein heteronomes Eingreifen einer irrationalen Autorität handelt, das einen Menschen daran hindert, seiner eigenen Natur nach zu wachsen (vgl. F, 99-102). Erich Fromm betont, dass die Alternative zu diesem Abrichten nicht Laissez-faire oder Willkür ist, sondern eine Förderung der menschlichen Entwicklung mittels rationaler Autorität im Interesse der Autonomie des Menschen (vgl. F, 102). Der Förderung von Autonomie steht jedoch konträr zur Existenzweise des Habens, weil letztere in ihrer Orientierung nach Eigentum und Profit notwendig nach Macht, Überlegenheit und Gewalt strebt (vgl. F, 102).

Die Sprache und der Wunsch nach Unsterblichkeit:

Erich Fromm nennt zwei weitere Faktoren, welche die Existenzweise des Habens fördern: die Sprache und das Verlangen, ewig zu leben. Die Sprache ist oft irreführend, weil der Gebrauch von Namen und Hauptworten uns zu der Illusion verleitet, dass es eine endgültige und unveränderliche Realität gäbe bzw. feste Substanzen und nicht Prozesse (vgl. F, 103). Der Wunsch nach Unsterblichkeit zeigt sich in dem Bestreben nach Ruhm, Berühmtheit oder gar Berüchtigtsein, am stärksten jedoch im Streben nach Eigentum und der Festlegung seiner Verwendung über den Tod des Besitzers hinaus mittels Testament und Erbschaftsgesetzen (vgl. F, 104).

Die Existenzweise des Habens und der anale Charakter:

Freud entdeckte, dass alle Kinder hinsichtlich ihrer Libidoentwicklung vor dem Erwachsenwerden eine anal-erotische Phase durchmachen, die zur Entstehung des analen Charakters führt, der sich durch Verhaltensweisen der Besitzorientierung, des Sparens und Hortens auszeichnet (vgl. F, 105). Erich Fromm macht darauf aufmerksam, dass sich hinter dieser Auffassung eine scharfe Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts verbirgt, die genau diesen Charakter zum Ideal erhob, während ihn Freud als pathologisch ansieht, wenn er im späteren Leben eines erwachsenen Menschen dominiert (vgl. F, 105-106).

Askese und Gleichheit als Überkompensationen einer Abkehr von der Habenorientierung:

Erich Fromm macht im Folgenden auf zwei Phänomene aufmerksam – die asketische Lebensweise und das Streben nach absolut ökonomischer Gleichheit –, die sich auf den ersten Blick als Abkehr von der Existenzweise des Habens zeigen, bei genauerem Hinsehen jedoch als Überkompensationen erweisen, die die Sphäre der Habenorientierung nicht verlassen. So steht die Askese mit ihrem ständigen Kreisen um Verzicht und Entsagung unter dem Verdacht, lediglich die Kehrseite der Existenzweise des Habens zu sein (vgl. F, 106). Ähnliches gilt für andere Formen des Fanatismus, die stets den Verdacht nahelegen, entgegengesetzte Impulse zu verdecken (vgl. F, 107). In ökonomischer und politischer Hinsicht ist die Forderung nach absoluter Gleichheit des Einkommens letztlich Ausdruck von uneingestandenem Neid: Indem man fordert, dass niemand mehr besitzen dürfe als man selbst, schützt man sich vor dem Neid, den man empfindet, wenn jemand anderes etwas mehr hat (vgl. F, 107).

Existentielles (funktionales) Haben vs. charakterbedingtes Haben:

Das charakterbedingte Haben, wie es Erich Fromm bisher geschildert hat, ist zu unterscheiden von dem existentiellen (funktionalen) Haben (vgl. F, 108). Letzteres steht nicht im Konflikt mit der Existenzweise des Seins, weil der Besitz von Nahrung, Kleidung, Wohnung und Werkzeugen notwendig ist, um unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen (vgl. F, 108).

5. Die Existenzweise des Seins (vgl. F, 109-133)

Nicht entfremdete Aktivität als produktives Tätigsein:

Erich Fromm macht im fünften Kapitel zunächst auf eine grundlegende Schwierigkeit aufmerksam, mit der wir es zu tun haben, wenn wir die Existenzweise des Seins charakterisieren möchten: Während sich die Existenzweise des Habens auf Dinge bezieht, die konkret und beschreibbar sind, ist die Existenzweise des Seins auf Erlebnisse bezogen, die im Prinzip nicht beschreibbar sind (vgl. F, 109). Das wesentlichste Merkmal der Existenzweise des Seins ist das produktive Tätigsein, verstanden als produktiven bzw. kreativen Gebrauch der menschlichen Kräfte (vgl. F, 110): „Es bedeutet, sich selbst zu erneuern, zu wachsen, sich zu verströmen, zu lieben, das Gefängnis des eigenen isolierten Ichs zu transzendieren, sich zu interessieren, zu lauschen, zu geben.“ (F, 110.) Wie oben schon angedeutet, lässt sich die Erfahrung einer solchen Aktivität nie vollständig in Worte bringen. Erich Fromm grenzt die Aktivität im Modus der Existenzweise des Seins, von einem modernen Verständnis von Aktivität ab, das diese allein als „gesellschaftlich anerkanntes, zweckhaftes Verhalten [bestimmt], das entsprechende gesellschaftlich nützliche Veränderungen bewirkt.“ (F, 112.) Aktivität im modernen Sinne entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als entfremdete Aktivität und daher letztlich als Passivität in Form bloßer Geschäftigkeit, bei der nicht ich handle, sondern innere oder äußere Kräfte durch mich handeln, während ich mich bei nicht entfremdeter Aktivität als handelndes Subjekt meines Tätigseins erlebe (vgl. F, 113). Erich Fromm weist darauf hin, dass sich sein Verständnis von nicht-entfremdeter Aktivität als Gegensatz zu bloß passiver Geschäftigkeit, auch bei Denkern wie Aristoteles, Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Spinoza, Karl Marx und Albert Schweitzer findet (vgl. F, 115-120).

Schein vs. Wirklichkeit:

Die Existenzweise des Seins lässt sich nicht nur im Kontrast zur Existenzweise des Habens charakterisieren, sondern auch im Kontrast zum Schein, wie Erich Fromm im Folgenden deutlich macht. Die Ebene des Scheins bzw. der Illusion ist das Resultat unserer Verdrängung von irrationalen, infantilen und individuellen Wünschen, von traumatisierenden Ängsten und von Erkenntnissen, die uns zu schwierig und gefährlich erscheinen (vgl. F, 122-123). Eine Ausweitung des Bereichs des Seins bedeutet daher eine „vermehrte Einsicht in die Realität des eigenen Selbst, der anderen und unserer Umwelt.“ (F, 124.)

Das Bedürfnis zu geben, zu teilen und für andere Opfer zu bringen:

In der modernen Gesellschaft dominiert die Auffassung, dass die Existenzweise des Habens in der menschlichen Natur verwurzelt sei. Hierbei handelt es sich jedoch um ein einseitiges Dogma. Erich Fromm führt eine Reihe von Gründen an, die zeigen, dass „sowohl die Existenzweise das Habens wie die des Seins Möglichkeiten innerhalb der menschlichen Natur sind“ (F, 125). Der tiefere Grund dafür, dass es auch ein menschliches Verlangen gibt, „ein Gefühl des Einsseins mit anderen zu erleben“ (F, 130), liegt in der Existenzbedingung des Menschen, die sich durch eine „Kombination minimaler instinktiver Determiniertheit und maximaler Entwicklung der geistigen Fähigkeiten“ (F, 130) auszeichnet. Diese Existenzbedingung ist die Ursache für das Gefühl der Isoliertheit und der entsprechenden Sehnsucht nach einer Einheit mit unseren Mitmenschen und der Natur (vgl. F, 130-131). Die Sehnsucht nach einer Symbiose ist keinesfalls unproblematisch, was sich zum Beispiel bei religiösen Sekten, Lynchmobs oder bestimmten Formen der Kriegspropaganda zeigt. Dass das menschliche Bedürfnis zu geben, zu teilen und zu opfern sich kaum durchsetzt, hat seine Ursache darin, dass die am Haben orientierte Gesellschaftsstruktur voll etabliert ist und nur wenige Menschen das Risiko eingehen, sich nicht anzupassen und zum Außenseiter oder gar Ausgestoßenen zu werden (vgl. F, 133).

6. Weitere Aspekte von Haben und Sein (vgl. F, 134-160)

Sicherheit – Unsicherheit:

Ein Mensch, der die Existenzweise des Habens lebt, ist durch die Angst und Unsicherheit bestimmt, das zu verlieren, was er hat. Im Gegensatz dazu ist der Held ein Mensch, der den Mut hat, die Ungewissheit zu ertragen (vgl. F, 135): Der Held hat keine Angst, weil er nicht das ist, was er hat, sondern das, was er ist, so dass ihn niemand berauben kann (vgl. F, 136).

Solidarität – Antagonismus:

„Das Verhältnis zwischen den Menschen ist in der Existenzweise des Habens durch Rivalität, Antagonismus und Furcht gekennzeichnet.“ (F, 139.) In Beziehungen zeigt sich diese Existenzweise in Form von Eifersucht und Konflikten, zwischen den Völkern in Form von Krieg oder Frieden als bloß zeitweiligem Waffenstillstand und im Klassenkampf als Versuch, die herrschende Klasse zu stürzen, um selber herrschen zu können (vgl. F, 139-142). Im Gegensatz dazu zeigt sich die Freude ohne das Verlangen zu haben am deutlichsten in manchen zwischenmenschlichen Beziehungen: Menschen, bei denen die Existenzweise des Seins dominiert, können die Gegenwart einer Frau oder eines Mannes genießen und erotisch attraktiv finden, ohne sie besitzen zu müssen (vgl. F, 138-139).

Freude – Vergnügen:

Der Unterschied zwischen Haben und Sein zeigt sich auch im Unterschied zwischen Vergnügen und Freude. Vergnügen ist die Befriedigung eines Verlangens, das zwar ein sehr intensiver Nervenkitzel sein kann, aber ein Gefühl der Traurigkeit hinterlässt, wenn der Höhepunkt überschritten ist. Im Gegensatz dazu ist die Freude eine „Begleiterscheinung produktiven Tätigseins“ (F, 144-145): „Sie ist kein »Gipfelerlebnis«, das kulminiert und abrupt endet, sondern eher ein Plateau, ein emotionaler Zustand, der die produktive Entfaltung der dem Menschen eigenen Fähigkeiten begleitet.“ (F, 145.)

Sünde – Vergebung – Heilung:

Der Begriff der Sünde kann zwei völlig verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem, ob er im Kontext einer am Haben oder am Sein orientierten Struktur verwendet wird (vgl. F, 151). In einer am Haben orientierten und autoritären Struktur bedeutet der Ausdruck „Sünde Ungehorsam und wird durch Reue, Bestrafung und erneute Unterwerfung getilgt. In der Existenzweise des Seins, der nicht-autoritären Struktur, ist Sünde ungelöste Entfremdung und wird durch volle Entfaltung von Vernunft und Liebe, durch Einswerdung überwunden.“ (F, 154.)

Angst vor dem Sterben – Bejahung des Lebens:

Wenn das Leben als etwas erlebt wird, das man besitzt, dann hat man Angst, dieses Leben zu verlieren: „seinen Körper, sein Ego, seine Besitztümer und seine Identität“ (F, 156). Letztlich gibt es nur einen Weg, diese Angst zu überwinden: „sich nicht an das Leben zu klammern, es nicht als einen Besitz zu betrachten.“ (F, 156.) Sich nicht an das Leben zu klammern sollte aber nicht als Vorbereitung auf den Tod praktiziert werden, sondern vielmehr in Form des Bemühens, das Verlangen nach Besitz zu verringern und im Sein zu wachsen (vgl. F, 156-157).

Hier und Jetzt – Vergangenheit und Zukunft:

Die Existenzweisen des Habens und des Seins sind durch unterschiedliche Verhältnisse zur Zeit ausgezeichnet: In der Existenzweise des Habens ist die Zeit, d. h. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart etwas, das man hat und dem man sich unterwirft; in der Existenzweise des Seins ist die Zeit etwas, das man zwar respektiert, dem man sich jedoch nicht unterwirft. Sich der Zeit nicht zu unterwerfen, bedeutet die Fähigkeit zu haben, Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart im Hier und Jetzt (hic et nunc) zu erleben, als etwas, das der Ewigkeit, d. h. Zeitlosigkeit angehört.

III. Der neue Mensch und die neue Gesellschaft

7. Religion, Charakter und Gesellschaft (vgl. F, 163-204)

Themen des siebten Kapitels sind (1) die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und Wandlungen des Gesellschafts-Charakters, (2) religiöse Impulse als Energiequelle für gesellschaftliche Umwälzungen und (3) die Entstehung einer neuen Gesellschaft auf Basis eines tiefgreifenden Wandels des menschlichen Herzens (vgl. F, 163).

Gesellschafts-Charakter, sozio-ökonomische Struktur und religiöse Struktur:

Den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen bildet die These, dass die sozio-ökonomische Struktur einer Gesellschaft mit dem Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder in Wechselwirkung steht (vgl. F, 163-165). Darüber hinaus hat der Gesellschafts-Charakter nicht nur die Funktion, „den Bedarf der Gesellschaft an einem bestimmten Charaktertypus zu decken“ (F, 165), sondern auch „das allen Menschen eigene religiöse Bedürfnis [zu] erfüllen.“ (F, 165.) Das religiöse Bedürfnis richtet sich auf zwei Dinge: (1) auf einen Rahmen der Orientierung und (2) auf ein Objekt der Hingabe (vgl. F, 166-169). Dieses Bedürfnis ist Folge der Existenzbedingungen der Spezies Mensch, die sich in einem Minimum an instinktiver Determinierung und einem Maximum an Entwicklung des Gehirns zeigen (vgl. F, 166-168). In den meisten Fällen ist den Menschen die religiöse Struktur nicht bewusst, weil sie ihnen als selbstverständlich erscheint und jede Abweichung davon als verrückt, irrational oder kindisch angesehen wird (vgl. F, 169).

Christentum, Religion des Industriezeitalters, kybernetische Religion und Marketing-Charakter:

Fromm weist daraufhin, dass die Bekehrung Europas zum Christentum weitestgehend oberflächlich verlief: Anstelle eines Wandels des Herzens, d. h. einer Veränderung der Charakterstruktur, kam es bloß zu einer Bekehrung zu einer Ideologie und einer Unterwerfung unter die Kirche (vgl. F, 171). Dies zeigt sich u. a. darin, dass auch heute der christliche Held des Seins, des Gebens und des Teilens tendenziell für naiv gehalten wird, während der heidnische Held – der sich durch Körperkraft und die Fähigkeit, Macht zu erringen und zu behalten auszeichnet – das Objekt der Begeisterung darstellt. Jesus ist in diesem Kontext allenfalls ein Idol, das als Ersatz für den eigenen Akt des Liebens Verwendung findet (vgl. F, 175).

Fromm macht auf eine durch Luther initiierte Veränderung aufmerksam, die für die Entwicklung der Religion des Industriezeitalters entscheidend war: Luther eliminierte das mütterliche Prinzip aus der Kirche (vgl. F, 177). Dieses Prinzip zeichnet sich durch Gnade und Barmherzigkeit aus, während sich das väterliche Prinzip durch Gerechtigkeit auszeichnet (vgl. F, 178). Das mütterliche Prinzip ist das der bedingungslosen Liebe, das väterliche Prinzip ist hingegen an Bedingungen geknüpft: es hängt von den Leistungen und dem Betragen des Kindes ab (vgl. F, 178). In der patriarchalen Religion des Industriezeitalters, in der es also kein mütterliches Prinzip mehr gibt, ist die Arbeit der einzige Weg, um Liebe und Anerkennung zu erlangen. Der Gesellschafts-Charakter dieser Religion setzt sich aus folgenden Elementen zusammen: (1) Angst vor der mächtigen männlichen Autorität und Unterwerfung unter diese, (2) Anerziehung von Schuldgefühlen bei Ungehorsam und (3) Vorherrschaft von Eigennutz und Zwiespalt gegenüber Solidarität (vgl. F, 179).

Begriff des Marketing-Charakters. Dieser Begriff bezeichnet den Umstand, dass der Mensch in unserer Gesellschaft zur Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt wird: Erfolg hängt nicht mehr wesentlich davon ab, eine bestimmte Eignung und Fähigkeit zu besitzen, um besondere Aufgaben zu erfüllen, sondern davon, wie gut sich ein Mensch auf dem Markt verkaufen kann (vgl. F, 180-181). Das höchste Ziel des Marketing-Charakters ist eine vollständige Anpassung, um ein optimales Funktionieren unter den entsprechenden Umständen zu garantieren (vgl. F, 183). Hierbei spielen Vernunft und Gefühl keine Rolle mehr, stattdessen kommt allein die manipulative Intelligenz zum Zug (vgl. F, 183). Ein Mensch, bei dem die Gefühlsebene und die Fragen der Vernunft kaum noch eine Rolle spielen, weil die verstandesmäßige Ebene vorherrscht, nennt Fromm einen kybernetischen Menschen. Dementsprechend bezeichnet der Ausdruck „kybernetische Religion“ die gesamte Charakterstruktur des Marketing-Charakters (vgl. F, 186).

Die humanistische Protestbewegung:

Dem Gesellschafts-Charakter und der Religion des Industriezeitalters hat sich eine rechte und linke Protestbewegung entgegengestellt. Die linke Protestbewegung, die Fromm deutlich vom materialistischen Sowjetkommunismus und westlichen Reformsozialismus unterscheidet, kann als radikaler Humanismus bezeichnet werden (vgl. F, 188-189). Zu ihren Vertretern gehören u. a. Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Karl Marx, Albert Schweitzer, Ernst Bloch, Ivan Illich, Mihailo Marković, Gajo Petrović, Svetozar Stojanović, Rudi Supek, Predrag Vranicki, E. F. Schumacher, Ernst Friedrich Schumacher und Erhard Eppler (vgl. F, 195). Das oberste Ziel des radikalen Humanismus erläutert Fromm ausführlich am Beispiel seiner Interpretation des Marxschen Denkens, das er in Parallele zum Denken Buddhas, Meister Eckharts und Albert Schweitzers setzt: Das Ziel der Geschichte ist Marx zufolge die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten als einen Selbstzweck, die Aufgabe der Orientierung am Haben und das weitestmögliche Zurückdrängen des Reichs der Notwendigkeit (vgl. F, 190-194).

8. Wandel des Menschen und Wesensmerkmale des neuen Menschen (vgl. F, 205-210)

Voraussetzungen für eine tiefgreifende Veränderung des menschlichen Charakters:

Fromm nennt vier Bedingungen für eine mögliche Veränderung des menschlichen Charakters, die in Parallele zu den Vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus stehen: (1) Wir leiden und sind uns dessen bewusst, (2) wie haben die Ursache unseres Leidens erkannt, (3) wir sehen eine Möglichkeit, unser Leiden zu überwinden, (4) wir sehen ein, dass wir bestimmte Verhaltensnormen übernehmen müssen und unsere gegenwärtige Lebenspraxis verändern müssen, um unser Leiden zu überwinden (vgl. F, 205).

Wesensmerkmale des neuen Menschen:

Fromm stellt eine ausführliche Liste mit jenen Charakterzügen des neuen Menschen auf, die eine neue Gesellschaft fördern sollte. Zu diesen Charakterzügen gehören u. a. „die Bereitschaft, alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein“ (F, 207), „imstande zu sein, den eigenen Narzißmus zu überwinden und die tragische Begrenztheit der menschlichen Existenz zu akzeptieren“ (F, 208) und „glücklich zu sein in diesem Prozeß stetig wachsender Lebendigkeit, denn so bewußt und intensiv zu leben, wie man kann, ist so befriedigend, daß die Sorge darüber, was man erreichen oder nicht erreichen könnte, gar nicht erst aufkommt.“ (F, 209.)

9. Wesensmerkmale der neuen Gesellschaft (vgl. F, 211-247)

Schwierigkeiten beim Aufbau einer neuen Gesellschaft:

Um Verzweiflung und Träumerei zu vermeiden, ist es wichtig, die Schwierigkeiten, die beim Aufbau der neuen Gesellschaft auftreten, genau zu benennen. Zu diesen Schwierigkeiten gehören folgende Punkte: (1) Es muss die Frage geklärt werden, wie die industrielle Produktionsweise aufrechterhalten werden kann, ohne in absoluter Zentralisierung zu enden, (2) es muss die Frage geklärt werden, wie die gesamtwirtschaftliche Rahmenplanung mit einem hohen Maß an Dezentralisierung verbunden werden kann, (3) das Ziel unbegrenzten Wirtschaftswachstums muss aufgegeben werden, ohne das Risiko einer wirtschaftlichen Katastrophe herbeizuführen, (4) es müssen neue Arbeitsbedingungen und völlig andere Einstellungen zur Arbeit entwickelt werden, (5) wissenschaftlicher Fortschritt muss gefördert, sein praktischer Missbrauch aber verhindert werden, (6) es müssen Bedingungen geschaffen werden, in denen Menschen Wohl-Sein und Freude anstelle von bloßen Vergnügungen erleben können, (7) die Existenzgrundlage des Einzelnen muss losgelöst von der Bürokratie gewährleistet sein, (8) individuelle Initiative muss sich vom Bereich der Wirtschaft auf die übrigen Lebensbereiche verlagern (vgl. F, 211-121).

Eine neue Wissenschaft vom Menschen:

Die oben genannten Schwierigkeiten können nur bewältigt werden, wenn sich eine humanistische Wissenschaft vom Menschen entwickelt und es Menschen gibt, die sich in den Dienst dieser Wissenschaft stellen. Aufgabe dieser Wissenschaft ist es, „Entwürfe, Modelle, Studien und Experimente [bereitzustellen], die geeignet sind, die Kluft zwischen dem Möglichen und dem Notwendigen zu überbrücken.“ (F, 214.) Fromm diskutiert im Folgenden dreizehn Schritte, die konkret getan werden müssen, um eine gesunde Wirtschaft für einen gesunden Menschen zu schaffen:

  1. Die Produktion muss auf einen gesunden und vernünftigen Konsum ausgerichtet werden (vgl. F, 215). Dieser Schritt kann nicht diktiert werden, vielmehr kann vernünftiger Konsum nur in dem Maße realisiert werden, wie die Menschen ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil ändern wollen (vgl. F, 215).
  2. Das „Recht der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion ausschließlich vom Standpunkt des Profits und Wachstums zu entscheiden, [muss] drastisch [eingeschränkt werden]“ (F, 218). Bei diesem Schritt geht es also darum, die Machtverhältnisse, welche die Richtung der Produktion bestimmen, neu auszurichten.
  3. Die „industrielle und politische Mitbestimmungsdemokratie“ (F, 221) muss vollständig verwirklicht werden. „Industrielle Demokratie bedeutet [u. a.], daß jeder Angehörige einer großen industriellen oder sonstigen Organisation eine aktive Rolle im Leben dieser Organisation spielt“ (F, 221).
  4. Um eine aktive Mitbestimmung im politischen Leben zu realisieren, muss es zu einer maximalen Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik kommen (vgl. F, 224), denn „sobald die Gesellschaft zu einer riesigen, zentral gesteuerten Maschine geworden ist, ist der Faschismus auf lange Sicht fast unvermeidbar, a) weil die Menschen […] die Fähigkeit zu kritischem Denken verlieren, sich ohnmächtig fühlen, passiv sind und sich zwangsläufig nach einem starken Mann sehnen […]; und b) weil die Megamaschine von jedem, der zu ihr Zugang hat, in Gang gesetzt werden kann“ (F, 225).
  5. Das bürokratische muss durch ein humanistisches Management ersetzt werden, um eine aktive und verantwortungsvolle Mitbestimmung zu ermöglichen (vgl. F, 226).
  6. Jeglicher Einsatz von hypnoseähnlichen Formen kommerzieller und politischer Werbung muss verboten werden (vgl. F, 229).
  7. Um einen kriegerischen Zusammenstoß zwischen armen und reichen Nationen zu vermeiden, muss die Kluft zwischen Arm und Reich geschlossen werden (vgl. F, 230).
  8. Jedem Menschen, gleichgültig, ob er seiner Pflicht gegenüber der Gesellschaft nachkommt oder nicht, muss ein jährliches Grundeinkommen garantiert werden (vgl. F, 231-232). Die Idee eines Grundeinkommens wird jenen Menschen als undurchführbar und gefährlich erscheinen, die von einer naturgegebenen Faulheit eines jeden Menschen ausgehen, doch hat diese Überzeugung keinerlei faktische Grundlage (vgl. F, 233).
  9. Die Frauen müssen von der patriarchalen Herrschaft befreit werden (vgl. F, 233).
  10. Ein oberster Kulturrat muss geschaffen werden, „der die Aufgabe hat, die Regierung, die Politiker und die Bürger in allen Angelegenheiten, die Wissen und Kenntnis erfordern, zu beraten.“ (F, 236.)
  11. Um eine informierte und entscheidungsfähige Öffentlichkeit zu bekommen, bedarf es eines wirksamen Systems zur Verbreitung objektiver Informationen, das immun gegenüber der Verkäuflichkeit und Nichtverkäuflichkeit von Nachrichten ist (vgl. F, 237-238).
  12. Es muss sichergestellt werden, dass sich industrielle und militärische Interessen nicht ungehindert den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Grundlagenforschung bemächtigen können (vgl. F, 239).
  13. Die atomare Abrüstung ist eine unabdingbare Voraussetzung einer neuen Gesellschaft (vgl. F, 240).

In Anbetracht der zu bewältigenden Schwierigkeiten drängt sich die Frage auf, ob wir überhaupt eine berechtigte Chance auf Rettung haben. Fromm nennt abschließend einige Faktoren, die uns in Bezug auf diese Frage ermutigen können: (1) Immer mehr Menschen werden sich – schon aus rein ökonomischen Gründen – der Notwendigkeit menschlicher Solidarität, einer neuen Ethik und einer neuen Einstellung zur Natur bewusst, (2) eine zunehmende Zahl von Menschen ist mit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung unzufrieden, (3) es gibt keinen berechtigten Grund für die Annahme, dass Habsucht und Neid in der menschlichen Natur verankert seien, (4) der Marketing-Charakter zeichnet sich zwar dadurch aus, gut funktionieren zu wollen und sich selbst als Ware auf dem Markt zu präsentieren, zugleich enthält er aber – im Gegensatz zum hortenden Charakter – das Potential zu einer Veränderung, (5) die Vision einer neuen Gesellschaft richtet sich zunächst an diejenigen, die an der Entfremdung leiden, d. h. an die Mehrheit der Bevölkerung, (6) die Ideale der neuen Gesellschaft sind nicht parteigebunden, (7) die Formulierung einer Utopie – im Gegensatz zu einer bloßen Reform im Rahmen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung – kann die Kraft einer starken Motivation auslösen (vgl. F, 241-245).

EFIT: Erich Fromm Institut Tübingen.
IEFG: Internationale Erich Fromm Gesellschaft.

Literatur

  • Fromm, Erich: Haben oder Sein, aus dem Englischen von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 42. Auflage, 2015 [F].