Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Den Anlass für Henry David Thoreaus Essay „Civil Disobedience“ bildete folgendes Geschehnis: Am 23. oder 24. Juli 1846 wurde Thoreau, der in jener Zeit am Waldenteich in einer Blockhütte lebte, von seinem Freund Sam Staples verhaftet, weil er seit vier Jahren die Wahlsteuer nicht gezahlt habe. Staples bat ihm zwar an, den Betrag auszulegen, doch Thoreau lehnte mit der Begründung ab, dass er zwar zahlen könne, aber aus prinzipiellen Gründen nicht zahlen wolle. So wurde Thoreau ins Gefängnis gesperrt, aber schon am nächsten Morgen wieder freigelassen, da jemand – wahrscheinlich Maria Thoreau – die geforderte Schuldsumme beim Gefängniswärter hinterlegte. Nachdem Thoreau im Herbst 1847 sein Experiment am Waldensee beendet hatte, hielt er im Januar 1848 im Lyceum von Concord einen Vortrag mit dem Titel „The Rights and Duties of the Individual in Relation to Government“, dessen Manuskript im Mai 1849 in einer revidierten Fassung unter dem Titel „Resistance to Civil Government“ in der Zeitschrift „Aesthetic Papers“, herausgegeben von Elizabeth Peabody, abgedruckt wurde (vgl. R, 156-157). Im Jahr 1866 wurde dieser Essay in einer posthumen Publikation unter dem Titel „Civil Disobedience“ abgedruckt.

Inhalt

Regierung und regieren
Recht, Gerechtigkeit und Gewissen
Die Wenigen und die Vielen
Die Pflicht, sich nicht mit dem Unrecht einzulassen
Gesetzesbrecher, Gefängnis und Zwang
Geld und Anstand
Anpassung vs. unangemessene Rebellion
Regierung und Gesetzgebung als Gegenstände des Studiums
Staat und Individuum

Literatur

Regierung und regieren

Henry David Thoreau eröffnet seinen Essay mit dem Wahlspruch „Die beste Regierung ist die, welche am wenigsten regiert“ (T, 7). Eine Regierung kann leicht missbraucht und verdorben werden, wie es sich zum Beispiel am Amerikanisch-Mexikanischen Krieg (1846-48) zeigt. Alles, was in positiver Hinsicht für Amerika erreicht wurde, ist kein Verdienst der Regierung, sondern des eingewurzelten Charakters des amerikanischen Volkes (vgl. T, 8). Thoreau fordert nicht das sofortige Ende der (amerikanischen) Regierung, sondern eine bessere Regierung, was impliziert, dass jeder erklären soll, „vor welcher Art von Regierung er Achtung haben könnte“ (T, 8).

Die folgenden Ausführungen zu den Themen des Rechts, der Gerechtigkeit, des Gewissens und der Pflicht, sich nicht mit dem Unrecht einzulassen, münden in einer Charakterisierung eines Staates, vor dem Thoreau Achtung haben würde und dem er sich bereitwillig anpassen würde: Dieser Staat wäre zu allen Menschen gerecht und würde das Individuum als achtungsvollen Nachbarn behandeln (vgl. T, 34f.).

Recht, Gerechtigkeit und Gewissen

Eine Regierung, in der die Mehrheit in allen Fällen den Ausschlag gibt, kann nicht auf Gerechtigkeit gegründet sein (vgl. T, 8f.). Das, was moralisch Richtig und Falsch ist, ist kein Gegenstand von Mehrheitsentscheidungen, sondern Gegenstand des Gewissens (vgl. T, 9). Daher sollte man bei diesen Fragen „nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“ (T, 9.) Das Gesetz hat die Menschen nicht gerechter gemacht, vielmehr macht der Respekt vor dem Gesetz die Menschen oft zu Handlangern des Unrechts (vgl. T, 9). Dies zeigt sich insbesondere bei Soldaten, die nur noch als bloße Körper funktionieren, aber auch bei Menschen, die dem Staat mit ihrem Kopf dienen und dabei keinen Gebrauch von ihrem moralischen Urteilsvermögen machen (vgl. T, 9f.).

Thoreau kann eine politische Organisation nicht als seine Regierung anerkennen, wenn sie zugleich eine Regierung von Sklaven ist (vgl. T, 11). Er spricht vom Recht auf Revolution, d. h. dem „Recht, der Regierung die Gefolgschaft zu verweigern und ihr zu widerstehen, wenn ihre Tyrannei oder ihre Untüchtigkeit zu groß und unerträglich wird.“ (T, 11.) In den meisten Fällen verfahren die Nationen nach dem Gesetz der Zweckmäßigkeit, doch gibt es Fälle, in denen man „Gerechtigkeit üben muss, koste es, was es wolle.“ (T, 12.)

Die Wenigen und die Vielen

Es ist nicht wichtig, dass die Mehrheit gut ist, sondern „dass es überhaupt irgendwo vollkommene Güte gibt; denn das wird die Masse mitreißen.“ (T, 13.) Bloß für eine gute Sache während einer Wahl abzustimmen, heißt letztlich, nichts dafür zu tun, sondern allenfalls den Menschen vorsichtig zu verstehen geben, dass man wünsche, dies oder jenes möge sich durchsetzen (vgl. T, 14).

Die Pflicht, sich nicht mit dem Unrecht einzulassen

Der Mensch ist nicht per se verpflichtet, gegen das Unrecht zu kämpfen, er ist aber dazu verpflichtet, sich nicht mit dem Unrecht einzulassen (vgl. T, 15): „Ein Mensch soll nicht alles tun, sondern etwas; und weil er nicht alles tun kann, soll er nicht ausgerechnet etwas Unrechtes tun.“ (T, 18.) Jedoch sind die Menschen in dieser Hinsicht oft scheinheilig: So spenden die Leute einem Soldaten Beifall, wenn er sich weigert, in einen ungerechten Krieg zu ziehen, unterstützen aber zugleich die Regierung, die einen solchen Krieg verursacht hat (vgl. T, 15). Wie soll man sich gegenüber ungerechten Gesetzen verhalten? Wenn die Ungerechtigkeit lediglich die Folge einer Trägheit der Regierungsmaschine ist, so kann es sinnvoll sein, darauf zu warten, dass sich die Maschine ausleiert; doch wenn das Gesetz so beschaffen ist, dass ich mich notwendig zum Arm des Unrechts mache, dann muss ich das Gesetz brechen und mein Leben so gestalten, dass es ein Gegengewicht erzeugt, um die Maschine aufzuhalten (vgl. T, 17f.).

Gesetzesbrecher, Gefängnis und Zwang

In einem Staat, in dem man unrechtmäßig eingesperrt wird, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen (vgl. T, 20). Das Gefängnis mag zunächst wie ein Ort aussehen, an dem man keinen Einfluss mehr ausüben kann, doch kann die Wahrheit die Ungerechtigkeit viel wirksamer bekämpfen, wenn man letztere auch nur ein wenig an sich selbst erfahren hat (vgl. T, 20): „Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.“ (T, 20.)

Der Staat kann sich mit „dem inneren Wesen, sei es intellektuell oder moralisch, […] niemals auseinandersetzen, sondern nur mit dem Körper, mit den Sinnen.“ (T, 25.) Auch kann ein Mensch von einer Menschenmasse niemals gezwungen werden, so oder so zu leben (vgl. T, 25), vielmehr wird er es einer Pflanze gleichtun: „Wenn eine Pflanze nicht nach ihrer Art leben kann, so stirbt sie. Menschen geht es ebenso.“ (T, 25.)

Geld und Anstand

Derjenige, der „am striktesten auf dem Recht […] [besteht] und daher für einen verdorbenen Staat die größte Gefahr“ (T, 21) darstellt, hat meist wenig Zeit für die Ansammlung von Eigentum aufgewandt und muss in dieser Hinsicht keine Angst haben, etwas zu verlieren. In diesem Sinne sagt Thoreau über sich, dass ihn die Strafe für Ungehorsam gegen den Staat weniger kostet, als wenn er dem Staat gehorchen würde (vgl. T, 23). Ein reicher Mensch hat sich hingegen an die Institution verkauft, die ihn reich macht, weshalb er stets ein Interesse am Schutz durch die Regierung hat.

Anpassung vs. unangemessene Rebellion

Ist es nicht übertrieben, seinen Mitmenschen, wie zum Beispiel dem Nachbarn, der die Steuern eintreibt, so kämpferisch zu begegnen, dass sie einen ins Gefängnis werfen, wenn auch zu unrecht (vgl. T, 19f. und 24ff.)? Gleicht das nicht einem sinnlosen Widerstand gegenüber Naturkräften wie Kälte und Hunger? Nein, denn im Gegensatz zu Naturkräften bzw. unbelebten Sachen, kann und sollte man Menschen in Form von Appellen begegnen und nicht so, als wären sie Steine, Bäume oder Tiere (vgl. T, 30).

Regierung und Gesetzgebung als Gegenstände des Studiums

Thoreau möchte so wenig wie möglich über die Regierung nachdenken, zumal er nicht in jedem Augenblick unter einer Regierung lebt (vgl. T, 31). Darüber hinaus kann ein unkluger Herrscher oder ein Reformapostel einem Menschen, der frei in seinen Gedanken ist, nie gefährlich in die Quere kommen, denn frei in seiner Fantasie und seiner Vorstellung zu sein bedeutet, dass die Dinge nie für lange Zeit leblos in einem bleiben und zu Dogmen gerinnen (vgl. T, 31). Des weiteren fehlt es denjenigen, die völlig in einer staatlichen Institution leben an einer Außenperspektive, weshalb sie zwar kluge Dinge im Rahmen der Logik dieser Institutionen sagen, für die Wahrheit aber keinen Sinn mehr haben (vgl. T, 32f.): „Es ist eben so: diejenigen, welche keine reinere Quelle der Wahrheit kennen, die ihre Spuren nicht weiter stromaufwärts verfolgt haben, bleiben bei ihrer Bibel und Verfassung und schlürfen sie in Ehrerbietung und Demut; die aber, welche sehen, wie die Wahrheit als dünnes Rinnsal in diesen See oder diese Pfütze einmündet, krempeln ihre Kleider noch einmal auf und wandern weiter ihrem Ursprung zu.“ (T, 33.)

Staat und Individuum

Thoreaus Ausführungen enden mit einer Beschreibung einer rechtmäßigen Regierungsgewalt. Diese muss die Vollmacht und Zustimmung der Regierten haben. In diesem Sinne wird es keinen „wirklich freien und aufgeklärten Staat geben, solange sich der Staat nicht bequemt, das Individuum als größere und unabhängige Macht anzuerkennen, von welcher all seine Macht und Gewalt sich ableiten, und solange er den Einzelmenschen nicht entsprechend behandelt.“ (T, 35.)

Literatur

  • Lawrence A. Rosenwald: The Theory, Practice, and Influence of Thoreau’s Civil Disobedience, in: A Historical Guide to Henry David Thoreau, hrsg. von William E. Cain, Oxford, New York (New York): Oxford University Press, 2000 [R].
  • Henry David Thoreau: Resistance to Civil Government, in: Essays: A Fully Annotated Edition, hrsg. von Jeffrey S. Cramer, New Haven (Connecticut), London: Yale University Press, 2013.
  • Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, in: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat und andere Essays, übers. von Walter E. Richartz, Zürich: Diogenes, 1967, 1973 [T].