Karoline von Günderrode über Traum und Tod

Die folgende Auswahl von Texten Karolines von Günderrode (1780-1806) konzentriert sich auf jene Passagen in ihrem Werk, in denen sie sich explizit oder implizit über den Zusammenhang von Traum und Tod äußert. In nahezu allen ihren Texten spielt die Todessehnsucht eine zentrale Rolle, wobei der Schlaf und der Traum – das Loslösen von der äußeren Welt und das Hinabsteigen in innere Seelenräume – sowohl eine Technik der Vorbereitung und Einstimmung auf den Tod bilden als auch den Versuch darstellen, sich der Gefahr einer Anpassung an gegebene Bedingungen zu entziehen und das laute, auf Täuschung abzielende Geplänkel des Tages zu durchbrechen. Im Denken des Durchschnittsmenschen gilt der Romantiker oft als verträumter, lebensuntüchtiger Sterblicher, der mit dem Leben nicht fertig wird und sich in Ideale und Phantasien von höchster Einheit und Ganzheit hinein steigert. Bei genauerem Hinsehen ist es jedoch der Durchschnittsmensch, der die Wirklichkeit flieht, weil er den einfachen Weg geht, indem er sich der sachlichen Seite des Lebens – modern gesprochen: den betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten – allzu bereitwillig unterwirft und die mystische Seite, mit der er nicht fertig wird, schlichtweg leugnet. All das, was im geschäftigen Alltag verschwiegen wird, wird dem Romantiker zum Anlass eines existentiellen Fragens, einer Verwunderung und einer Vorbereitung auf den Tod.

Inhalt

1. Auszüge aus den Texten Karolines von Günderrode
1.1. Gedichte
Hochroth
Liebe
Schicksal und Bestimmung
Vorzeit, und neue Zeit
Wunsch
Ariadne auf Naxos
Der Traurende und die Elfen
Ist alles stumm und lehr
Der Kuß im Traume
Einstens lebt ich süßes Leben
Die Bande der Liebe
Des Knaben Morgengruß
Des Knaben Abendgruß
An Creuzer
Die Einzige
Die eine Klage
Überall Liebe
Liebst du das Dunkel
Grabinschrift Karolines von Günderrode
1.2. Prosa
Die Manen
Timur
Ein apokaliptisches Fragment
Geschichte eines Braminen
Träume
Die Musik für mich
Allerley Gedanken
Briefe zweier Freunde
1.3. Briefe
Karoline von Günderrode – Karoline von Barkhaus
Karoline von Günderrode – Gunda Brentano
Karoline von Günderrode – Clemens Brentano
Karoline von Günderrode – Bettina von Arnim (geb. Brentano)
Karoline von Günderrode – Claudine Piautaz
Karoline von Günderrode – Friedrich Carl von Savigny
Karoline von Günderrode – Friedrich Creuzer
Karoline von Günderrode – Lisette Nees von Esenbeck
2. Lebensdaten Karolines von Günderrode
3. Wichtige Personen im Leben Karolines von Günderrode
4. Links
5. Literatur
5.1. Veröffentlichungen zu Lebzeiten (chronologisch)
5.2. Werkausgaben und Textsammlungen (chronologisch)
5.3. Briefe und Materialien
5.4. Biographisches
5.5. Weitere Literatur (Auswahl)

1. Auszüge aus den Texten Karolines von Günderrode

Die Auswahl der folgenden Texte wurde mir ständiger Hinsicht auf den Zusammenhang von Traum und Tod getroffen. Während die hier versammelten Gedichte jeweils vollständig wiedergegeben sind, handelt es sich bei den Prosatexten und Briefen nur um Auszüge. Ausführliche und kommentierte Literaturhinweise finden sich unter Punkt 5.

1.1. Gedichte

„Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares im Leben“ heißt es in Bettinas von Arnim Briefroman „Die Günderode“. Sie erlauben es, den Bedingtheiten, dem Schmerz, der Verzweiflung, den unerfüllten Träumen und der unerwiderten Liebe eine Zeitlang zu entkommen und sich ganz dem Geheimnis des Todes und dem unendlichen Sehnen der Liebe hinzugeben. Doch besteht diese künstlerische Form der Beruhigung schmerzlicher Empfindungen nur zeitweilig und lässt denjenigen, der davon wiederholt Gebrauch macht, einen inneren Sinn entwickeln, der in einer auf Nützlichkeit und Verwertbarkeit orientierten Welt stets neue Schmerzen hervorbringen muss. Daher erschöpfen sich die Gedichte Karolines von Günderrode nicht allein in einer ästhetischen Distanzierung gegenüber unerfüllten Sehnsüchten, sondern stehen immer auch in Verbindung zu einer Todessehnsucht und dem Wunsch, als Träumender zum Traum zu werden und endgültig von den Schmerzen der Entbehrung befreit zu werden.

Hochroth

Du innig Roth
Bis an den Tod
Soll meine Lieb dir gleichen
Soll nimer bleichen,
Bis an den Tod
Du glühend Roth
Soll sie dir gleichen

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

Schicksal und Bestimmung

An Charlotte

Blumen flecht‘ ich scherzend nicht für dich zum Kranze,
Und mein Rhythmus weiht sich nicht zum leichten Tanze,
Von Bestimmung red‘ er ernste Worte dir.

Hoffend, wünschend, suchst du – doch vernimm die Lehre,
Wenn dem Herzen jeder Wunsch befriedigt wäre,
Ungestillet bleibt das Sehnen deiner Brust.

Keins von allen Gütern dieser weiten Erde,
Keines! dem nicht Schmerz und Reue sei Gefährte,
Ueberall verfolgt die Plagegöttin dich.

Freundschaft, Liebe winken freundlich aus der Ferne,
Wie am Horizonte hell die Brüder Sterne,
Doch das eherne Geschick verschont sie nicht.

Reißt dich fremde Schuld nicht von verbund’nen Herzen,
Ha! so fühlst du’s spät, durch tief’re Schmerzen,
Eigner Wahn zerriß der Erde schönstes Band.

Drum entsage willig auch dem liebsten Gute,
Daß dein oft getäuschtes Herz nicht schmerzlich blute.
Edlerm Streben spare deines Geistes Kraft.

Folge nur der Pflicht, ob sie am ödsten Strande
Einsam, ungeliebt und unbeweint dich bannte:
Deiner Götter Abkunft Siegel ist sie dir.

Tugend ist das Ziel, nach dem die Millionen
Geister, die den ungemeß’nen Raum bewohnen,
Ringen zur Vollendung und zur Göttlichkeit.

Wie Planeten um die Sonn‘ in ew’gen Kreisen,
Eilen sie auf Millionen Weg‘ und Weisen
Hin zum Ideale der Vollkommenheit.

Blicke stolz hinauf zum herrlich hohen Ziele,
Dräng‘ ihm zu, und wankst du, irret auch dein Wille,
Deiner Würd‘ und Freiheit bleibst du dir bewußt.

Zwar im Kampfe wird noch deine Kraft ermüden,
Schwache Erdentugend gibt dem Geist nicht Frieden,
Dennoch deinem Ideale naht sie dich.

Vorzeit, und neue Zeit

Ein schmahler rauher Pfad schien sonst die Erde.
Und auf den Bergen glänzt der Himmel über ihr,
Ein Abgrund ihr zur Seite war die Hölle,
Und Pfade führten in den Himmel, und zur Hölle.

Doch alles ist ganz anders nun geworden,
Der Himmel ist gestürzt, der Abgrund ausgefüllt,
Und mit Vernunft bedeckt, und sehr bequem zum gehen.

Des Glaubens Höhen sind nun demolieret.
Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand,
Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuen.

Wunsch

Ja Quitos Hand, hat meine Hand berühret
Und freundlich zu den Lippen sie geführet,
An meinem Busen hat sein Haupt geruht.

Da fühlt ich tief ein liebend fromm Ergeben.
Mußt ich dich überleben, schönes Leben?
Noch Zukunft haben, da du keine hast?

Im Zeitenstrome wirst du mir erbleichen,
Stürb ich mit dir, wie bei der Sonne neigen
Die Farben all‘ in dunkler Nacht vergehn.

Ariadne auf Naxos

Auf Naxos Felsen weint verlassen Minos Tochter.
Der Schönheit heisses Flehn erreicht der Götter Ohr.
Von seinem Thron herab senkt, Kronos Sohn, die Blitze,
Sie zur Unsterblichkeit in Wettern aufzuziehn.

Poseidon, Lieb entbrannt, eröffnet schon die Arme,
Umschlingen will er sie, mit seiner Fluthen Nacht.
Soll zur Unsterblichkeit nun Minos Tochter steigen?
Soll sie, den Schatten gleich, zum dunklen Orkus gehen?

Ariadne zögert nicht, sie stürzt sich in die Fluthen:
Betrogner Liebe Schmerz soll nicht unsterblich seyn!
Zum Götterloos hinauf mag sich der Gram nicht drängen,
Des Herzenswunde hüllt sich gern in Gräbernacht.

Der Traurende und die Elfen

Zum Grab der Trauten schleicht der Knabe,
Ihm ist das Herz so bang und schwer;
Da sinkt die dunkle Nacht hernieder
Und bleiche Geister geh’n umher;
Des Abends feuchte Nebel thauen,
Der Nachtwind wühlt in seinem Haar,
Das Alles wird er nicht gewahr.

In Träumen ist er ganz verlohren,
Er merket nicht der Stunden Gang;
Da wekt ihn aus dem dumpfen Schlummer
Musik und froher Chorgesang,
Er blicket auf: und schaut den Reigen
Der Elfen, deren munt’rer Tanz
Sich schlingt um frischer Gräber Kranz.

Und sieh! ihm naht der Elfen Schönste,
Und spricht: »was trauerst du so sehr?
Komm! ist dein Mädchen dir gestorben?
Vergiß sie! komm zum Tanze her.
Frei sind wir Elfen, ohne Sorgen,
Leicht wie der Sinn ist unser Fuß,
Und froh und leicht sind Lieb und Kuß.

O zögre nicht! nur wenig Stunden
So moderst du, nur kurze Zeit
So welket Alles, was jetzt blühet,
Drum komm! entsag dem schweren Leid‘.« –
Wild springt er auf zum raschen Tanze
Und über seiner Braut Gebein
Schlingt sich der lust’ge Elfenreihn.

Er tanzt, vergisset die Geliebte,
Leicht, wie der Elfen, wird sein Sinn,
Entbunden aller Erdensorgen
Schwingt er sich über Wolken hin.
Er sieht Geschlechter kommen, sterben,
Kann Alles froh und lustig sehn
Der Dinge Blühen und Vergehn.

Ist alles stumm und lehr

Ist alles stumm und leer;
Nichts macht mir Freude mehr,
Düfte sie düften nicht,
Lüfte sie lüften nicht,
Mein Herz so schwer!

Ist alles öd und hin,
Bange mein Geist und Sinn,
Wollte, nicht weiß ich was
Jagt mich ohn Unterlaß
Wüßt ich wohin? –

Ein Bild von Meisterhand
Hat mir den Sinn gebannt
Seit ich das Holde sah
Ists fern und ewig nah
Mir anverwandt. –

Ein Klang im Herzen ruht,
Der noch erfüllt den Muth
Wie Flötenhauch ein Wort,
Tönet noch leise fort,
Stillt Thränenfluth.

Frühlinges Blumen treu,
Kommen zurück aufs Neu,
Nicht so der Liebe Glück
Ach es kommt nicht zurück
Schön doch nicht treu.

Kann Lieb so unlieb sein,
Von mir so fern was mein? –
Kann Lust so schmerzlich sein
Untreu so herzlich sein? –
O Wonn‘ o Pein.

Phönix der Lieblichkeit
Dich trägt dein Fittig weit
Hin zu der Sonne Strahl –
Ach was ist dir zumal
Mein einsam Leid?

Der Kuß im Traume,

aus einem ungedruckten Romane

Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten,
Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten,
Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb‘ ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.
Drum birg dich Aug‘ dem Glanze irrd’scher Sonnen!
Hüll‘ dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen.

Einstens lebt ich süßes Leben

Einstens lebt ich süßes Leben
Denn mir war als sey ich plötzlich
Nur ein duftiges Gewölke.
Über mir war nichts zu schauen
Als ein tiefes blaues Meer
Und ich schiffte auf den Woogen
Dieses Meeres leicht umher.
Lustig in des Himmels Lüften
Gaukelt ich den ganzen Tag,
lagerte dan froh und gaukelnd
Hin mich um den Rand der Erde
als sie sich der Sonne Armen
dampfend und voll Gluth entriß,
Sich zu baden in nächtlicher Kühle
Sich zu erlaben im Abendwind.
Da umarmte mich die Sonne
Von des Scheidens Weh ergriffen
Und die schönen hellen Strahlen
liebten all und küßten mich.
Farbige Lichter
stiegen hernieder
hüpfend und spielend
wiegend auf Lüften
Duftige Glieder.
Ihre Gewande
Purpur und Golden
und wie des Feuers
tiefere Gluthen.
Aber sie wurden
blässer und blässer,
bleicher die Wangen
sterbend die Augen.
Plözlich verschwanden
Mir die Gespielen
Und als ich traurend
Nach ihnen blikte
Sah ich den großen
eilenden Schatten
der sie verfolgte
sie zu erhaschen.
Tief noch im Westen
Sah ich den goldnen
Saum der Gewänder.
Da erhub ich kleine Schwingen
flatterte bald hie bald dort hin
freute mich des leichten Lebens
ruhend in dem klaren Aether.
Sah jetzt in dem heilig tiefen
Unnennbaren Raum der Himmel
Wunderseltsame Gebilde
Und Gestalten sich bewegen
Ewige Götter
saßen auf Thronen
glänzender Sterne
schauten einander
seelig und lächelnd.
Tönende Schilde
Klingende Speere
huben gewaltige
streitende Helden;
Vor ihnen flohen
gewaltige Thiere,
Andre umwanden
in breiten Ringen
Erde und Himmel
selbst sich verfolgend
Ewig im Kreise.
Blühend voll Anmuth
unter den Rohen
stand eine Jungfrau
Alle beherrschend.
Liebliche Kinder
spielten in mitten
giftigen Schlangen. –
Hin zu den Kindern
wollt ich nun flattern
mit ihnen spielen
Und auch der Jungfrau
Sohle dann küssen.
Und es hielt ein tiefes Sehnen
In mir selber mich gefangen
Und mir war als hab ich einstens
Mich von einem süßen Leibe
los gerissen, und nun blute
Erst die Wunde alter Schmerzen.
Und ich wandte mich zur Erde
Wie sie süß im trunknen Schlafe
Sich im Arm des Himmels wiegte.
Leis erklungen nun die Sterne
nicht die schöne Braut zu weken
Und des Himmels Lüfte spielten
leise um die zarte Brust.
Da ward mir als sey ich entsprungen
Dem innersten Leben der Mutter,
Und habe getaumelt
In den Räumen des Aethers
Ein irrendes Kind.
Ich mußte weinen
rinnend in Trähnen
Sank ich hinab zu dem
Schooße der Mutter.
Farbige Kelche
Duftender Blumen
Faßten die Thränen,
Und ich durchdrang sie
Alle die Kelche
rieselte Abwärts
hin durch die Blumen
tiefer und tiefer
bis zu dem Schooße
hin, der verhülleten
Quelle des Lebens.

Die Bande der Liebe

Ach! mein Geliebter ist tod! er wandelt im Lande der Schatten
Sterne leuchten ihm nicht, ihm erglänzet kein Tag
Und ihm schweigt die Geschichte; das Schicksal der Zeiten
Gehet den mächtigen Gang, doch ihn erwecket es nicht;
Alles starb ihm mit ihm, mir ist er doch nicht gestorben
Denn ein ewiges Band eint mir noch immer den Freund.
Liebe heißet dies Band, das an den Tag mir geknüpft
Hat die erebische Nacht, Tod mit dem Leben vereint.
Ja ich kenne ein Land, wo Todte zu Lebenden reden,
Wo sie, dem Orkus entflohn, wieder sich freuen des Lichts,
Wo von Erinn’rung erweckt, sie auferstehn von den Todten
Wo ein irdisches Licht glühet im Leichengewand.
Seliges Land der Träume! wo, mit Lebendigen, Todte
Wandeln, im Dämmerschein, freuen des Daseyns sich noch. –
Dort, in dem glücklichen Land, begegnet mir wieder der Theure,
Freuet, der Liebe, sich meiner Umarmungen noch;
Und ich hauche die Kraft der Jugend dann in den Schatten,
Daß ein lebendig Roth wieder die Wange ihm färbt,
Daß die erstarreten Pulse vom warmen Hauche sich regen,
Und der Liebe Gefühl wieder den Busen ihm hebt.
Darum fraget nicht, Gespielen! was ich so bebe?
Warum das rosigte Roth löscht ein ertödtendes Blaß?
Theil ich mein Leben doch mit unterirdischen Schatten,
Meiner Jugend Kraft schlürfen sie gierig mir aus.

Des Knaben Morgengruß

Morgenlicht! Morgenlicht!
Scheint mir hell ins Gesicht.
Wenn ich Tag komen seh
wird mir leid und weh.
Denn im Grabe liegt
Ein Mägdelein,
Des Frühroths Schein
Sieht traurig hinein
In das eng Kämmerlein,
Mögt wekken das Jungfräulein;
Das kann vom Schlaf nicht erstehn
Morgenlicht nicht sehn.
Drum wenn ich Frühroth seh
Wird mir leid und weh.

Des Knaben Abendgruß

Mitternacht! Mitternacht!
Ich bin erwacht,
Der Mondenschein
Blikt hell herein
In mein Kämmerlein;
Da muß ich traurig sein
Denn sonst im Mondenschein
War mit mir am Fensterlein
Ein lieblich Mägdelein,
Nun muß ich traurig sein
Weil jetzt im Mondenschein
Ich bin allein.

An Creuzer

Seh ich das Spatroth, o Freund, tiefer erröthen im Weste
Ernsthaft lächlend voll Wehmuth lächlend und traurend verglimen
O dann muß ich es fragen warum es so trüb wird und dunkel
Aber es schweiget und weint perlenden Thau auf mich nieder.

Die Einzige

Wie ist ganz mein Sinn befangen,
Einer, Einer anzuhangen;
Diese Eine zu umpfangen
Treibt mich einzig nur Verlangen;
Freude kann mir nur gewähren,
Heimlich diesen Wunsch zu nähren,
Mich in Träumen zu bethören,
Mich in Sehnen zu verzehren,
Was mich tödtet zu gebähren.

Widerstand will mir nicht frommen,
Fliehen muß ich neu zu kommen,
Zürnen nur, mich zu versöhnen,
Kann mich Ihrer nicht entwöhnen,
Muß im lauten Jubel stöhnen;
In den Becher fallen Thränen,
Ich versink in träumrisch Wähnen;
Höre nicht der Töne Reigen,
Wie sie auf und nieder steigen,
Wogend schwellen Well‘ in Welle;
Sehe nicht der Farben Helle
Strömen aus des Lichtes Quelle.
Mich begrüßen Frühlingslüfte,
Küssen leise Blumendüfte,
Doch das all ist mir verlohren,
Ist für mich wie nicht gebohren,
Denn mein Geist ist eng umpfangen
Von dem einzigen Verlangen
Eine, Eine zu erlangen.

Hungrig in der Zahl der Gäste
Siz ich bei dem Freudenfeste,
Das Natur der Erde spendet;
Frage heimlich ob’s bald endet?
Ob ich aus der Gäste Reigen
Dürf‘ dem eklen Mahl entweichen,
Das verschwendrisch Andre nähret:
Mir nicht einen Wunsch gewähret?
Eines nur mein Sinn begehret,
Eine Sehnsucht mich verzehret;
Eng ist meine Welt befangen,
Nur vom einzigen Verlangen
Was ich liebe zu erlangen.

Die eine Klage

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muß was er erkohren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Thränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Gränzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet’s nicht
Daß für Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück.

Überall Liebe

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blüthenkränze sehn,
Und unbekränzt daran vorüber gehen.
Und muß ich traurend nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll muthig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schoos der Nächte, brennt der Liebe Glut,
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verlohren ist wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg’schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Liebst du das Dunkel

Liebst du das Dunkel
Thauigter Nächte
Graut dir der Morgen
Starst du ins Spatroth
Seufzest beym Mahle
Stösest den Becher
Weg von den Lippen
Liebst du nicht Jagdlust
Reizet dich Ruhm nicht
Schlachtengetümmel
Welken die Blumen
Schneller am Busen
Als sie sonst welkten
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen.

Grabinschrift Karolines von Günderrode

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer,
    der Lufthauch,
Heiliges Feuer, mir Freund, und du, o Bruder,
    der Bergstrom.
Und mein Vater, der Äther, ich sage euch allen
    mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab ich hienieden gelebt;
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend.
Lebt wohl, Bruder und Freund, Vater und Mutter
    lebt wohl.

1.2. Prosa

Die Manen

Ein Fragment

Es ist nichts verlohren, und in keiner Rücksicht; nur unser Auge vermag die lange unendliche Kette von der Ursache zu allen Folgen nicht zu übersehen. […] Die positive Gegenwart ist der kleinste und flüchtigste Punkt; indem du die Gegenwart gewahr wirst, ist sie schon vorüber, das Bewußtsein des Genusses liegt immer in der Erinnerung. Das Vergangene kann in diesem Sinn nur betrachtet werden, ob es nun längst oder so eben vergangen, gleichviel. […] Freilich lebt […] [ein großer Mensch] nur fort in dir, in sofern du Sinn für ihn hast, in so fern deine Anlage dich fähig macht ihn zu empfangen in deinem Innern, in so fern du etwas mit ihm Homogenes hast, das Fremdartige in dir tritt mit ihm in keine Verbindung, und er kann nicht auf es wirken; und nur mit dieser Einschränkung wirken alle Dinge. Das, wofür du keinen Sinn hast, geht für dich verlohren, wie die Farbenwelt dem Blinden. […] Der Tod ist ein chemischer Prozeß, eine Scheidung der Kräfte, aber kein Vernichter, er zereißt das Band zwischen mir und ähnlichen Seelen nicht, das Fortschreiten des Einen und das Zurückbleiben des Andern aber kann wohl diese Gemeinschaft aufheben, wie ein Mensch, der in allem Vortreflichen fortgeschritten ist, mit seinem unwissenden und roh gebliebenen Jugendfreund nicht mehr harmonieren wird. […] Eine Verbindung mit Verstorbenen kann also statt haben, in so fern sie nicht aufgehört haben, mit uns zu harmonieren[.] […] Es kommt nur darauf an, diese Verbindung gewahr zu werden. Blos geistige Kräfte können unsern äussern Sinnen nicht offenbar werden; sie wirken nicht durch unsere Augen und Ohren auf uns, sondern durch das Organg, durch das allein eine Verbindung mit ihnen möglich ist, durch den innern Sinn, auf ihn wirken sie unmittelbar. Dieser innere Sinn, das tiefste und feinste Seelenorgan, ist bei fast allen Menschen gänzlich unentwickelt und nur dem Keim nach da; das Geräusch der Welt, das Getreibe der Geschäfte, die Gewohnheit nur auf der Oberfläche, und nur die Oberfläche zu betrachten, lassen es zu keinem deutlichen Bewußtsein, und so wird es nicht allgemein anerkannt, und was sich hier und da zu allen Zeiten in ihm offenbahret hat, hat immer so viele Zweifler und Schmäher gefunden; und bis jetzt ist sein Empfangen und Wirken in äußerst seltnen Menschen die seltenste Individualität. – Ich bin weit davon entfernt, so manchen lächerlichen Geistererscheinungen und Gesichten das Wort zu reden; aber ich kann es mir deutlich denken, daß der innere Sinn zu einem Grade afficirt werden kann, nach welchem die Erscheinung des Innern vor das körperliche Auge treten kann, wie gewöhnlich umgekehrt, die äussere Erscheinung vor das Auge des Geistes tritt. […] Doch ich erinnere mich, man nennt in der Sprache der Welt diese Entwicklung des innern Sinns, überspannte Einbildung. Wem also der innere, das Auge des Geistes, aufgegangen ist, der sieht dem Andern unsichtbare mit ihm verbundene Dinge.

Timur

Zwei Jahre hatte Timur in dem Kerker geschmachtet […]; schon glaubte er sich von allen Menschen vergessen, als ihm däuchte, er höre mit süßer Stimme seinen Namen flüstern, und jeden Morgen und jeden Abend hörte er dieselbe Stimme: Timur! Timur! Rufen, und wenn er auf seinem Lager schlummerte, däuchte ihm, ein Engel mit glänzenden Lokken und rosigten Wangen beuge sich über ihn her, drükke leise Küsse auf seine Lippen und seufze: Timur! Aber wenn er erwachte vergingen die rosigten Wangen in Kerkernacht, die hellen Locken erbleichten, die Küsse verglühten, doch die süße Stimme flüsterte fort, und er wußte nicht, ob der Traum wirklich, oder das wirklich Scheinende, Traum sey.

Ein apokaliptisches Fragment

11. Die Vergangenheit war mir dahin! ich gehörte nur der Gegenwart. Aber eine Sehnsucht war in mir, die ihren Gegenstand nicht kannte, ich suchte immer, aber jedes Gefundene war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im Unendlichen.

12. Einst ward ich gewahr, daß alle die Wesen, die aus dem Meere gestiegen waren, wieder zu ihm zurückkehrten, und sich in wechselnden Formen wieder erzeugten. […] Da dachte ich, meine Sehnsucht sey auch, zurück zu kehren, zu der Quelle des Lebens.

13. Und da ich dies dachte, und fast lebendiger fühlte, als all mein Bewußtsein, ward plötzlich mein Gemüth wie mit betäubenden Nebeln umgeben. Aber sie schwanden bald, ich schien mir nicht mehr ich, und doch mehr als sonst ich, meine Gränzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewußtsein hatte sie überschritten, es war größer, anders, und doch fühlte ich mich in ihm.

14. Erlöset war ich von den engen Schranken meines Wesens, und kein einzler Trofpen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehörte mir mit an, ich dachte, und fühlte, wogte im Meer, glänzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen; ich fühlte mich in allem, und genos alles in mir.

15. Drum, wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht tausende, es ist Eins und alles; es ist nicht Körper und Geist geschieden, daß das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist Eins, gehört sich selbst, und ist Zeit und Ewigkeit zugleich, und sichtbar, und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

Geschichte eines Braminen

[S]o verschieden die äußere Bildung der Menschen, so verschieden ist auch ihre innere Natur, ihr Leben und ihre Wünsche. Den einen bildet die Welt, ihr Gewirre macht ihn gewandt, ihr Widerstand übt seine Kraft. Ein Andrer bildet die Welt, und seine Thaten wirken fort in ihr, wenn er auch schon längst aufgehört hat; diese und ähnliche Naturen gehören ihr an, sie können und dürfen sich ihr nicht entziehen. Ganz anders ist es mit mir, ich war nie von den Ihrigen, es war gleichsam nur eine Übereinkunft, nach welcher sie mir gab, was mir von ihren Gütern unentbehrlich war, nach welcher ich ihr gab, was ich konnte. Diese Uebereinkunft ist zu Ende, sie kann mir nichts mehr geben, ihr Geräusch macht mich taub für die Sprache meines eignen Geistes, ihre Verhältnisse verwirren mich, ich ginge in ihr nutzlos verloren. […] [M]ein Verstand wollte immer mehr und unersättlich wissen, meine Einbildungskraft suchte ein weiteres Feld für ihre Schöpfungen, meine Begierde einen unendlichen Gegenstand des Strebens […]. Ich sahe hinauf in die Sterne, und fand es traurig, daß mein Auge so gerne hinsehe, und doch an die Erde gefesselt sey; ich liebte das Morgenroth, daß ich zu seinen Umarmungen hätte auffliegen, und die wogende See, daß ich mich in ihre Tiefen hätte stürzen mögen. In dieser Sehnsucht, in dieser Liebe sprach der Naturgeist zu mir, ich hörte seine Stimme wohl, aber ich wußte noch nicht, wo sie herkäme; je mehr ich aber darauf lauschte, desto deutlicher war es mir, daß es eine Grundkraft gäbe, in welcher Alle, Sichtbare und Unsichtbare, verbunden seyn. […] Es ist eine unendliche Kraft, ein ewiges Leben, das da Alles ist, was ist, was war und werden wird, das sich selbst auf geheimnißvolle Weise erzeugt, ewig bleibt bey allem Wandeln und Sterben. […] Der Sinn für dies ewige Leben ist mir schon hier aufgegangen in religiöser Betrachtung, darum ist mir das Zeitliche in gewissem Sinne so gering geworden, und mein Geist hat die Dinge ganz anders geordnet. Verhaßt ist mir nun die Philosophie geworden, die jeden Einzelnen als Mittel für das Ganze betrachtet, das doch nur aus Einzelnen besteht, die immer fragt, was dies oder jenes nütze für die Andern? und die jeden als eine Frucht betrachtet, die geblüht habe und gereift sey, um von dem Ganzen verzehrt zu werden; die die verschiedensten Naturen in einen Garten pflanzen und den Eichbaum und die Rose nach einer Regel ziehen will. Mir ist jeder Einzelne heilig, er ist Gottes Werk, er ist sich selbst Zweck. Wird er, was er seiner Natur nach werden kann, so hat er genug gethan, und was er den Andern genützt, ist Nebensache. Jede Eigenheit ist mir heilig; was der Welt gehört von uns, unser Handeln in ihr, möge sich nach ihrem Gesetz richten und nach ihrer Ordnung, aber kein fremdes Gesetz berühre die innere Freyheit meines Geistes, stöhre die eigene Natur meines Gemüthes, die, wenn sie vollendet wäre, eine reine Harmonie ohne Mißlaut seyn würde. – Ja, es muß eine Zeit der Vollendung kommen, wo jedes Wesen harmonisch mit sich selbst und mit den Andern wird, wo sie in einander fließen, und Eins werden in einem großen Einklang, wo jede Melodie sich hinstürzt in die ewige Harmonie. […] [D]er Geist sucht das Geistige, sein Durst forscht nach der Quelle des Lebens, er sucht für seine Kräfte, die auf Erden kein Verhältniß finden, ein Ueberirdisches, für sein geistiges Auge einen unendlichen Gegenstand der Betrachtung […].

Träume

Ich hatte zwei Schwestern, die Älteste liebte ich vorzüglich weil sie mit mir eine große Ähnlichkeit der Gesinnung hatte; ich war seit mehreren Wochen von ihr entfernt und dachte oft mit Sehnsucht und Liebe an sie, da träumte mir einst diese beide Schwestern seyn gestorben, ich war sehr traurig darüber. Da erschienen mir ihre Geister in dem Hofe eines alten Hauses, in dem wir einen grossen Theil unserer Jugend verlebt hatten. Sie traten beide aus einer dunkeln Kammer vor der ich immer einen gewissen Schauer gehabt hatte. Es war Nacht, eine feuchte Herbst-Luft wehte und reichlicher Regen fiel herab. Meine ältere Schwester nahte sich mir, und sprach: Eine ewige kalte Nothwendigkeit regiret die Welt, kein freundlich liebend Wesen. Ich erwachte; Es träumte mir noch mehrmals sie sei gestorben obgleich sie sehr gesund war. Nach zwei Jahren erfüllte sich der Traum, beyde starben kurz nacheinander –

Die Musik für mich

Meine Aufmerksamkeit kann eine schöne Musik nicht in ihrer Bahn begleiten; ich höre eine Weile zu, bald aber verliehrt sich mein Geist in einer Reihe kommender und gehender Bilder, die den wechselnden Vorstellungen bunter Träume gleich komen, bald sehe ich dunkle Wolken von brausenden Stürmen eilend dahin getragen, dann ein dunkles Meer von bleichem Mondschein erhellt, das sich schäumend an schwarzen Felsen bricht. Diese und viele andre Vorstellungen zum theil aus meinem Leben, gehn schnell auf, und ab woogend, an meiner Seele vorüber; und dies Leben daß die Musik in mir erwekt wird mir so mächtig daß ich sie nicht mehr vernehme; und eine Musik die nicht ähnlich auf mich wirkt macht mir wenig Freude.

Allerley Gedanken

Die Vortreflichkeit ist ein Ganzes, wir haben sie nicht, sie ist gleichsam wie die Bläue des Himmels über uns, und unsere Vortreflichkeit, ist nur ein Streben zu ihr, eine Ansicht von ihr; drum ist keine persönliche Liebe, nur Liebe zum Vortreflichen.

Es giebt nur zwei Leben das gemeine (das schlechter ist als wir) und das höhere; viele Menschen schweben zwischen beiden, der wahre Künstler steht ganz in lezterm, es ist die wahre Seligkeit, und wer es einmal betretten der ist der Welt ohne Rettung verlohren.

Es giebt nur zwei Arten recht zu leben, irrdisch oder himlisch; man kann der Welt dienen, und nüzen, ein Amt führen Geschäfte treiben, Kinder erziehen, dann lebt man irrdisch. Aber man lebt himlisch in der Betrachtung des Ewigen, Unendlichen im Streben nach ihm (eine Art Nonnenstand). Wer anders leben will als eine dieser beiden Arten der verdirbt.

Sie wachsen noch an der Welt wie der Apfel am Baum, aber wenn die Frucht reif ist fällt sie vom Stamm, sie hat dann ihre eigenthümliche Gestalt, ist vollendet. Auch sie müssen sich losreißen von der Welt, und ganz sie selbst werden, dann sind sie vollkommen. Ein Gesez herrschet in der ganzen Natur.

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Ich wollte lieber von meinem besten Freund nichts wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Briefe zweier Freunde

An Eusebio

[E]rst in dir habe ich jene wahrhafte Erhebung zu den höchsten Anschauungen, in welchen alles Weltliche als ein wesenloser Traum verschwindet, als einen herrschenden Zustand gefunden; in dir haben mir die höchsten Ideen auch eine irrdische Realität erlangt. […] Vielleicht sind wir eben jezt auf einer Bildungsstufe angelangt, wo unser höchstes und würdigstes Bestreben sich dahin richten sollte, die grosen Kunstmeister der Vorwelt zu verstehen, und mit dem Reichthum und der Fülle ihrer poesiereichen Darstellungen unser dürftiges Leben zu befruchten. Denn, abgeschlossen sind wir durch enge Verhältnisse von der Natur, durch engere Begriffe vom wahren Lebensgenuß, durch unsere Staatsformen von aller Thätigkeit im Großen. So fest umschlossen ringsum, bleibt uns nur übrig den Blick hinauf zu richten zum Himmel, oder brütend in uns selbst zu wenden. […] Der Höhe dürfen wir uns rühmen und der Tiefe, aber behagliche Ausdehnung fehlt uns durchaus. […] Eusebio! wenn mir auch dereinst das freundliche Licht deines Lebens erlöschen sollte, o! dann nimm mich gütig mit, wie der göttliche Pollux den sterblichen Bruder, und laß mich gemeinsam mit dir in den Orkus gehen und mit dir zu den unsterblichen Göttern, denn nicht möcht‘ ich leben ohne dich, der du meiner Gedanken und Empfindungen liebster Inhalt bist, um den sich alle Formen und Blüthen meines Seyns herumwinden, wie das labyrintische Geäder um das Herz, das sie all‘ erfüllt und durchglüht.

Fragmente aus Eusebio’s Antwort

Gestalt hat nur für uns, was wir überschauen können; von dieser Zeit aber sind wir umpfangen, wie Embryonen von dem Leibe der Mutter, was können wir also von ihr Bedeutendes sagen? Wir sehen einzelne Symptome, hören Einen Pulsschlag des Jahrhunderts, und wollen daraus schließen, es sey erkrankt. Eben diese uns bedenklich scheinenden Anzeigen gehören vielleicht zu der individuellen Gesundheit dieser Zeit. Jede Individualität aber ist ein Abgrund von Abweichungen, eine Nacht, die nur sparsam von dem Licht allgemeiner Begriffe erleuchtet wird. Darum Freund! weil wir nur wenige Züge von dem unermeßlichen Teppich sehen, an welchem der Erdgeist die Zeiten hindurch webt, darum laß uns bescheiden seyn. Es gibt eine Ergebung, in der allein Seligkeit und Vollkommenheit und Friede ist, eine Art der Betrachtung, welche ich Auflösung im Göttlichen nennen möchte; dahin zu kommen laß uns trachten, und nicht klagen um die Schicksale des Universums. […] In solchen Augenblicken, wo wir uns nicht mehr besinnen können, weil das, was das einzle und irrdische Bewußtseyn weckt, dem äußern Sinn verschwunden ist unter der Herrschaft der Betrachtung de Innern; in solchen Augenblicken versteh‘ ich den Tod, der Religion Geheimniß, das Opfer des Sohnes und der Liebe unendliches Sehnen. Ist es nicht ein Winken der Natur, aus der Einzelheit in die gemeinschaftliche Allheit zurück zu kehren, zu lassen das getheilte Leben, in welchem die Wesen Etwas für sich seyn wollen und doch nicht können? Ich erblicke die rechte Verdammniß in dem selbstsüchtigen Stolz, der nicht ruhen konnte in dem Schooß des Ewigen, sondern ihn verlassend seine Armuth und Blöße decken wollte mit der Mannigfaltigkeit der Gestalten, und Baum wurde und Stein und Metall und Thier und der begehrliche Mensch. […] Es sind die äußeren Sinne, die uns mannigfaltige Grade unsers Gegensatzes mit der fremden Welt deutlich machen, wenn aber die Scheidewand der Persönlichkeit zerfällt, mögen sie immerhin erlöschen; denn es bedarf des Auges nicht, unser Inneres und was mit ihm Eins ist zu schauen […]. […] So fürchte ich höhere Jahre nicht, und der Tod ist mir willkommen; und zu dieser Ruhe der Betrachtung in allen Dingen zu gelangen, sey das Ziel unseres Strebens.

1.3. Briefe

Karoline von Günderrode an Karoline von Barkhaus, Frankfurt, 18. Juni 1799

Da sitze ich wieder in meiner einsamen Zelle, und die vergangenen schönen Tage scheinen mir ein Traum, der ein dumpfes schmerzliches Gefühl des verflossenen Angenehmen und des augenblicklich schmerzlichen Entbehrens zurückläßt.

Karoline von Günderrode an Karoline von Barkhaus, Hanau, 10. Juli 1799

[I]ch weiß selbst nicht, was im Innern meines Herzens vorgeht, mit welcher Hoffnung ich mich trotz jenem traurigen Bewußtsein hinhalte, aber doch ist’s so, ich kann mir es nicht verbergen, ein leiser dunkler Glaube ist noch in mir. Kaum glaubte ich mich aus den Stürmen der Leidenschaft gerettet, glaubte ich mich sicher, und ich sehe mich wieder verstrickt, ich liebe, wünsche, glaube, hoffe wieder, vielleicht stärker als jemals.

Karoline von Günderrode an Karoline von Barkhaus, Hanau, 17. Juli 1799

Sie sagen, ich sollte meinem Herzen nicht zu sehr nachgeben, und doch ist’s mein größtes Vergnügen, diesen Träumen nachzuhängen. […] Bisher las ich auch sehr viel in Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, bei allen meinen Schmerzen ist mir dies Buch ein wahrer Trost, ich vergesse mich, meine Leiden und Freuden in dem Wohl und Wehe der ganzen Menschheit, und ich selbst scheine mir in solchen Augenblicken ein so kleiner unbedeutender Punkt in der Schöpfung, daß mir meine eignen Angelegenheiten keiner Träne, keiner bangen Minute wert scheinen. Nur schade, daß dies Gefühl nicht lange dauert, bald darauf fordert mein eigner Kummer wieder alle die Teilnahme, die ich vorher nur der Menschheit geben konnte und wollte. Es ist traurig, bemerken zu müssen, wie uns der Egoismus allenthalben nachschleicht und uns oft da am nächsten ist, wo wir ihn am fernsten von uns glauben.

Karoline von Günderrode an Karoline von Barkhaus, Hanau, 26. Juli 1799

Der Anteil, welchen ich an seinem Schicksal nehmen kann, wenn ich es weiß, entschädigt mich ein wenig, nicht für verlorne Hoffnungen, aber doch für seine Entfernung. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sich mein ganzes Wesen gegen den Gedanken, ihn zu vergessen, empört, nein, so viel Kummer mir auch diese Liebe machen mag, ich werde es nie bedauern, ihn gesehn zu haben. […] Wenn Sie etwas von S. Hören, darf ich Sie bitten, es mir zu schreiben, verargen Sie mir diese Bitte nicht, es ist ja das Einzige was ich von ihm haben kann, der Schatten eines Traumes.

Karoline von Günderrode an Karoline von Barkhaus, Butzbach, 14. Februar 1800

Wie ich lebe? Oft unzufrieden mit mir selbst, von denen, die mich hier näher umgeben (zürnen Sie mir nicht deswegen) kann ich keinen eigentlich lieben, ich kann mir keine Liebe ohne Harmonie der Gesinnungen denken, diese ist hier unmöglich. Und oft […] fühle ich Bitterkeit gegen diese Menschen, wenn ich sehe, daß sie so gar kein Gefühl haben für das, was mich interessiert; wenn der erste Sturm der gereizten Empfindung vorüber ist, dann sehe ich wohl ein, wie unmöglich es der ganzen Lage der Sache nach ist, daß diese Menschen so denken und fühlen wie ich; es schmerzt mich tief, aber ich begehe das Unrecht von neuem; denn der Empfindung kann ich nicht gebieten. Ich sage mir tausendmal, es ist egoistisch, nur Menschen von gleicher Empfindung zu lieben, und doch bleibt es wie vorher. Ich resigniere auf Mitgefühl, nur lieben kann ich diese fremdartigen Geschöpfe nicht.

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano, Hanau, 11. August 1801

Überhaupt ist mir’s ganz unbegreiflich, daß wir kein anderes Bewußtsein haben als Wahrnehmung von Wirkungen, nirgends von Ursachen. Alles andere Wissen scheint mir […] nicht wissenswürdig, solang ich des Wissens Ursache, mein Wissensvermögen, nicht kenne. Diese Unwissenheit ist mir der unerträglichste Mangel, der größte Wiederspruch.

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano, Hanau, 19. August 1801

Ich habe so gar keine Zeit für mich, kann nicht sagen, jetzt will ich das tun, dann das; ich muß alle meine Augenblicke erlauschen, sie erwuchern; und wenn sie dann da sind, so habe ich keinen Genuß von ihnen; es freut mich nichts, es schmerzt mich nichts bestimmt, ich bin in dem elendsten Zustand, dem des Nichtfühlens, des dumpfen kalten Dahinschleppens. In diesem Zustand hasse ich mich selbst. Es gehört zu dem Leben meiner Seele, daß mich irgend eine Idee begeistre; es ist auch oft der Fall; doch muß es immer etwas Neues sein, denn ich trinke so unmäßig an dem Nektarbecher, bis ich ihn in mich geschlürft habe; und wenn er denn leer ist, das ist unerträglich.

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano, Hanau, 29. August 1801

Es ist ein häßlicher Fehler von mir daß ich so leicht in einen Zustand des Nichtempfindens verfallen kann, und ich freue mich über jede Sache, die mich aus demselben reißt. Gestern las ich Ossians Darthula, und es wirkte so angenehm auf mich; der alte Wunsch, einen Heldentod zu sterben, ergriff mich mit großer Heftigkeit; unleidlich war es mir, noch zu leben, unleidlicher, ruhig und gemein zu sterben. Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtgetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib, und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir.

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano, Hanau, 21. Oktober 1801

Ich erliege mir selber, ich bin ganz elend innerlich. Rate, hilf mir, und sage nicht Dein kaltes Es-Muß-So-Sein oder laß uns wenigstens dies fatale Thema mit Träumen umspinnen. Vor einiger Zeit gelang es mir, mich in eine schöne erhabne Phantasiewelt zu schwingen, in Ossians halbdunkle Zauberwelt; aber die seligen Träume zerfließen; sie kommen mir vor wie Liebestränke, sie betäuben, exaltieren und verrauchen dann, das ist das Elend und die Erbärmlichkeit aller unserer Gefühle; mit den Gedanken ist’s nicht besser, man überdenkt auch leicht eine Sache bis zur Schalheit.

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano, Hanau, 24. November 1801

Mein Leben ist so leer, ich habe so viele langweilige und unausgefüllte Stunden. Gunda, ist es nur die Liebe die in diese dumpfe Leerheit Leben und Empfindung gießt? Oder gibt es noch andere Empfindungen, die dies tun? Es ist hier eine Lücke in meiner Seele; umsonst suche ich sie zu erfüllen, umsonst sie wegzuraisonnieren; die Kunst kann nur durch die Natur, mit der Natur wuchren, ohne sie kann sie nichts. Ich empfand früh, ich fürchte, früh hab ich mein Empfindungsvermögen aufgezehrt; nur der Maßstab des Vorigen blieb mir und das Ideal, ich stehe zwischen beiden, und kann keines erlangen. Und selbst jetzt, da ich Dir diesen Zustand beschreibe, fühle ich ihn minder als ich ihn einsehe. Auch die Freundschaft versagt mir ihre glücklichen Täuschungen. Menschen, die mir Sinn und Liebe für interessante Gegenstände und ein gewisses Streben danach zeigten, wurden oft meine Freunde, weil mir Mitteilung Bedürfnis ist. Bald aber hatte ich das Interesse, das ich mit ihnen teilte, erschöpft und fand, daß ich sie selbst erschöpft hatte; sie hatten nur die Kraft, das schon Gedachte, schon Empfundene, mitzudenken, mitzuempfinden; aber das Eigne und Besondere diesem Allgemeinen anzuschließen, die neue Ansicht der Dinge in sich zu erschaffen, diesen immer quellenden Reichtum des Geistes versagte ihnen die Natur. In solchem Falle muß man ermüden, oder dem andern immer so viel geben, daß man nicht gewahr wird, wie wenig man empfängt. Das letztere konnte ich nicht; ich wurde oft kalt gegen meine Freunde und weder ihre Liebe noch ihre sonstigen Vollkommenheiten konnten mich diesen Mangel vergessen machen. Und allzu oft vermißte ich auch die Geduld und Kraft an ihnen, mich zu ertragen, wie ich bin. So brachten mir freundschaftliche Verhältnisse meistens mehr Schmerz als Freude. Und fände ich auch den Freund, der alles wäre, was ich wünschte, so würde ich mich seiner Unwert finden; und die Seligkeit hätte Dornen für mich.

Karoline von Günderrode an Clemens Brentano, 1803

Auch die wahrsten Briefe sind meiner Ansicht nach nur Leichen, sie bezeichnen ein ihnen einwohnend gewesenes Leben und ob sie gleich dem Lebendigen ähnlich sehen, so ist doch der Moment ihres Lebens schon dahin: deswegen kömt es mir aber vor (wenn ich lese, was ich vor einiger Zeit geschrieben habe), als sähe ich mich im Sarg liegen und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an.

Karoline von Günderrode an Clemens Brentano, Frankfurt, 10. Juni 1804

Wie ich auf den Gedanken gekommen bin, meine Gedichte drucken zu lassen, wollen Sie wissen? Ich habe stets eine dunkle Neigung dazu gehabt, warum und wozu frage ich mich selten; ich freute mich sehr, als sich jemand fand, der es übernahm, mich bei dem Buchhändler zu vertreten, leicht und unwissend, was ich tat, habe ich so die Schranke zerbrochen, die mein innerstes Gemüt von der Welt schied; und doch hab ich es nicht bereut, denn immer neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir, mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer Gestalt, die würdig sei, zu den Vortrefflichsten hinzuzutreten, sie zu grüßen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben. Ja, nach dieser Gemeinschaft hat mich stets gelüstet, dies ist die Kirche, nach der mein Geist stets wallfahrtet auf Erden.

Karoline von Günderrode an Bettina Brentano (aus: Bettinas von Arnim „Die Günderode“ (1840))

Du weißt jetzt, daß Ägypten mit Babylonien, Medien mit Assyirien im Wechselkrieg war, fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung sein. Regsam und zu jeder Aufgabe kräftig – waren ihre Unternehmungen für unsre Fassungsgabe beinah zu gewaltig; […] das Wenige, was wir von ihnen wissen, giebt uns den Vergleich von der Gewalt ihrer Willenskraft, die stärker war, als die jetzige Zeit zugiebt, und leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein könnte, wenn sie fort und fort wüchse, im Dienst ihrer selbst. […] Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares im Leben; nach und nach verharrscht es, und aus der Wunde deren Blut den Seelenboden tränkte, hat der Geist schöne rote Blumen gezogen die wieder einen Tag blühen, an dem es süß ist, der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen. […] Die Künstler oder Dichter lernen und suchen wohl mühsam ihren Weg, aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll, das lernt keiner, – nehme es doch nur so, daß alles Streben ob es stocke ob es fließe, den Vorrang habe vor dem Nichtstreben. […] Geist steigert die Welt, durch ihn allein lebt das wirkliche Leben, und durch ihn allein reiht sich Moment an Moment, alles andre ist verflüchtigender Schatten, jeder Mensch, der einen Moment in der Zeit wahr macht, ist ein großer Mensch, und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind, so kann ich sie nicht zu den Wirklichkeiten rechnen, weil keine tiefere Erkenntniß, kein reiner Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt, sondern der Leidenschaft ganz gemeine Motive. Napoelon zum Beispiel.

Bettinas Bericht (aus: Bettinas von Arnim „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ (1835))

Wir lasen zusammen den Werther und sprachen viel über den Selbstmord; sie sagte: ›Recht viel lernen, recht viel fassen mit dem Geist und dann früh sterben; ich mag’s nicht erleben, dass mich die Jugend verlässt‹. Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias, dass die Griechen von dem sagten, der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen, der die Erde verlasse, ohne ihn gesehen zu haben. Die Günderrode sagte, wir müssen ihn sehen, wir wollen nicht zu den Unseligen gehören, die so die Erde verlassen. Wir machten ein Reiseprojekt, wir erdachten unsre Wege und Abenteuer, wir schrieben alles auf, wir malten alles aus, unsre Einbildung war so geschäftig, dass wir’s in der Wirklichkeit nicht besser hätten erleben können; oft lasen wir in dem erfundenen Reisejournal, und freuten uns der allerliebsten Abenteuer, die wir drin erlebt hatten und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung, deren Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten. Von dem, was sich in der Wirklichkeit ereignete, machten wir uns keine Mitteilungen; das Reich, in dem wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich öffnete, um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen; da war alles neu, überraschend, aber passend für Geist und Herz; und so vergingen die Tage.

Karoline von Günderrode an Claudine Piautaz, Trages, April 1804

Es ist sonderbar, daß die Phantasie am meisten hervorbringt, wenn sie keine äußern Gegenstände findet, sie erschafft sich dann selbst Gegenstände und bildet sie um so sorgfältiger, da es keine fremden Stoffe, sondern ihre eignen Kinder sind. Im Genuß ist keine Dichtung (die Wirklichkeit tötet den Traum), nur in der Sehnsucht, diese ruft ein anders Leben hervor in mir als das Wirkliche. Wer ganz genießt, der lebt wirklich und wer so lebt, wie sollte der noch träumen wollen oder können. Das Leben läßt sich nicht teilen; man kann nicht in der Unterwelt mit den Schatten wandeln und zugleich auf der Oberwelt unter der Sonne und mit den Menschen. – Ich habe oft darüber nachgedacht, aber ich glaube nicht, daß man zwei Zustände zugleich haben kann; ich glaube, sie folgen (mögen auch die Zeitabschnitte noch so klein sein) aufeinander. […] Ich kehre in mich selbst zurück und erschaffe mir eine andre Welt; leichte Träume umschweben mich, mein Bewußtsein verliert sich in der Betrachtung. So mag es einem Sterbenden sein, das Bewußtsein wird immer schwächer und unterbrochner; Träume umhüllen es immer dichter und vermählen sich mit den Gestalten der Wirklichkeit, bis diese ganz schwinden und der Träumer zum Traum wird. Das helle Bewußtsein ist drückend, es ist immer mit tausend Schmerzen verbunden, es kann die Zeit nicht vergessen und knüpft mit unseligen Banden an die Erde und die Zeitlichkeit, darum weiß das Bewußtsein von keiner Ewigkeit. Aber in Träumen ist die Ewigkeit, da gelten nicht die Berechnungen der Zeit, im Traum ist Seligkeit, und alle Seligkeit ist nur erträumt – die Ewigkeit ist das Land der Träume. – […] Seine Empfindungen und Wünsche am Altare der Notwendigkeit oder der Sitte schlachten, das nennt man Tugend. Sich stückweise selbst morden ist also Tugend. Triumphierend auf den Trümmern seines eignen Geistes stehen, sagen können, »sehet hier zu meinen Füßen die Erschlagenen, die Gefesselten, die Brandstätten, mein Wille ist Sieger worden über sie alle«; dies ist das belohnende Gefühl des Tugendhaften. – Trauriger Triumph!

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny, Frankfurt, 3. Januar 1804

Ich male mir die Zukunft ganz genau aus und flüchte mich schon jetzt zu ihr, wenn es mir in der Welt nicht wohl ist. Ich trage meistens ein stilles Kämmerlein in meinem Gemüte herum, in diesem lebe ich ein eignes, abgesondertes, glückliches Leben in dem Interesse und der Liebe zu irgend einem Menschen, einer Idee, einer Wissenschaft oder einer Kunst, und weil ich mich dann gar zu viel in diesem traulichen Winkelchen aufhalte, bin ich blöd und fremd mit der Welt und den Menschen und bleibe immer zu ungeschickt, sie zu behandeln, wie man sollte; und wenn sich mir das Kämmerlein einige Zeit verschließt, wenn ich es gar nicht finden und darin wohnen kann, dann bin ich sehr unglücklich; und wenn ich jemand hineinführen mögte, und es will sich nicht da gefallen, so kann mir das auch recht schmerzlich sein.

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny, Frankfurt, Februar 1804

[I]ch schreibe ein Drama, meine ganze Seele ist damit beschäftigt, ja, ich denke mich so lebhaft hinein, werde so einheimisch darin, daß mir mein eignes Leben fremd wird; ich habe sehr viel Anlage zu einer solchen Abstraktion, zu einem solchen Eintauchen in einen Strom innerer Betrachtungen und Erzeugungen. Gunda sagt, es sei dumm sich von einer so kleinen Kunst als meine sei sich auf diesen Grad beherrschen zu lassen; aber ich liebe diesen Fehler, wenn es einer ist, er hält mich oft schadlos für die ganze Welt.

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny, Frankfurt, 10. Oktober 1805

Wenn man einmal so geliebt wurde, wie Creuzer sich geliebt weiß, wenn man ein Wesen so zum Eigentum hatte wie er mich, das läßt sich nicht vergessen, dafür gibt es keinen Trost und keinen Ersatz.

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny, Frankfurt, 18. November 1805

Noch zwei Tage, nachdem Du weg warst, lieber Savigny, war mir so traurig und fürchterlich zumute, daß ich gar nicht begreifen konnte, wie ich leben könne und welches Verhältnis zu Creuzer mir möglich wäre, es ward mir ganz dunkel vor der Seele, wenn ich an die Zukunft dachte […]; da wurde mir plötzlich durch ein einziges Wort alles klar, in diesem Augenblick schwand aller Trübsinn, der Friede hat mich seitdem nicht wieder verlassen; ich habe jede andre Hoffnung aufgegeben, nur die nicht, daß mich Creuzer immer lieben wird, mit solcher Ruhe habe ich ihm auch geschrieben, und ruhig wird er es gewiß aufnehmen.

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny, Frankfurt, Dezember 1805

Ich habe noch immer sehr ruhig, ja beinahe heiter an Creuzer geschrieben; auch bin ich nicht unruhig, aber gar nicht froh mehr: Daß ich ihm so vieles verschweigen muß, das raubt ihn mir noch viel mehr als meine Verhältnisse; ich kann Dir nicht sagen, wie bitter ich das empfinde; aber ich verspreche Dir, ich will ihm meine Sehnsucht und meinen Schmerz immer verbergen; ich sehe wohl, wie es notwendig ist, und ich kann es auch.

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, 22. März 1805

Den vorigen Sonntag war ich den ganzen Tag allein zu Hause, abends hatte ich etwas Brustschmerzen, und nicht nur war ich sehr ruhig darüber, ich möchte fast sagen, innig froh, ich dachte an alle mich umgebenden drückenden Verhältnisse und da war mir der Gedanke, ihrer vielleicht bald entfesselt zu sein, sehr erwünscht. Zugleich dankte ich dem Schicksal, daß es mich so lange hatte leben lassen, um etwas von Schellings göttlicher Philosophie zu begreifen, und was ich noch nicht begriffen, zu ahnen; und daß mir wenigstens vor dem Tode der Sinn für alle himmlischen Wahrheiten dieser Lehre aufgegangen sei; denn ich gedachter jener Stelle aus Sophokles: »O, der Sterblichen Glückselige, welche die Weihung erst schauten, dann wandelnd zum Hades; denn ihr Anteil allein ist es, dort noch zu leben.« […] Ihr Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mich so fremd angesehen, und ich konnte weder seine Sprache noch seine Blicke recht verstehen, er ist so vernünftig, so voll nützlicher Tatlust und gefällt sich im Leben, ich aber habe schon viele Tage im Orkus gelebt und nur darauf gedacht, bald und ohne Schmerz, nicht allein in Gedanken, nein, ganz und gar hinunterzuwallen, auch Sie wollte ich dort finden, aber Sie denken andre Dinge, Sie richten sich eben jetzt recht ein im Leben, und wie Sie selber sagen, soll der Sinn unseres Bundes sein, »daß wir gerne gehen wollen, wenn die Natur uns abrufen wird«, welches wir auch wohl getan hätten, ohne uns zu kennen. […] Einst schien Ihnen der Gedanke sehr wert, mit mir zu sterben und mich, wenn Sie früher stürben, zu sich hinunterzureißen, jetzt aber haben Sie viel wichtigere Dinge zu bedenken, ich könnte ja noch irgend nützlich in der Welt werden, da wäre es doch schade, wenn Sie die Ursache meines frühern Todes sein sollten. […] [I]ch verstehe diese Vernünftigkeit nicht.

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, 25. und 27. April 1805

Ich habe diese Nacht einen wunderbaren Traum gehabt, den ich nicht vergessen kann, mir war, ich läg zu Bette, ein Löwe lag zu meiner Rechten, eine Wölfin zur Linken und ein Bär mir zu Füßen, alle halb über mich her und in tiefem Schlaf, da dachte ich, wenn diese Tiere erwachten, würden sie gegeneinander ergrimmen und sich und mich zerreißen, es ward mir fürchterlich bange, und ich zog mich leise unter ihnen hervor und entrann. […] [E]s ist mir innerlich unruhig und alles fremd, […] ich bin wie ausgestoßen aus meiner süßen Heimat, und bin unter meinen eigenen Gedanken so wenig an meinem Platz wie diese Nacht unter den Raubtieren, die der seltsame Traum mir zu Genossen gab. […] Der Freund war eben hier […] Was sein übriges Leben betrifft, so merke ich immer mehr, daß seine heroische Seele sich immer mehr in Liebesweichheit und Liebessehnen aufgelöst hat; dieser Zustand ist nicht gut für einen Menschen, der doch für sich alleine stehn muß und der wohl nimmermehr mit dem Gegenstand seiner Liebe vereint wird […]. Es ist sonderbar, aber in Gedanken besitzt er seinen geliebten Gegenstand so ganz, daß es viele Augenblicke gibt, in denen er meint, man könne nur so gewiß und ausführlich denken, was einmal so wirklich würde, wie man es dächte. […] Werde ich gewaltsam meines Lebens Faden zerreißen, wenn Du stirbst? Werde ich geduldig und zaghaft genug sein, ein freuden- und bedeutungsloses Leben zu ertragen?

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, 15. September 1805

Mein Leben würde mich rechtfertigen, nicht meine Worte. […] Schwarz findet bedenklich, daß ich der neuen Philosophie anhange, soll ich mich entschuldigen über das, was ich vortrefflich in mir finde?

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, Ende September 1805

Du wurdest ein Fremdling in Deiner nächsten Umgebung, als Du eine Heimat fandest in meinem Herzen. […] Sosehr ich schon lange fühle, ich gehöre Dir an, dennoch habe ich Dich mit Besonnenheit nie mein genannt.

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, November 1805

Sieh‹, es ist mir freier und reiner geworden, seit ich allem irdischen Hoffen entsagte. In heilige Wehmut hat sich der ungestüme Schmerz aufgelöset. Das Schicksal ist besiegt. Du bist mein über allem Schicksal. Es kann Dich mir nicht mehr entreißen, da ich Dich auf solche Weise gewonnen habe.

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, April 1806

Ich habe neulich einen fürchterlichen Augenblick gehabt. Es war mir, ich sei viele Jahre wahnsinnig gewesen und erwachte eben zur Besinnung und frage nach Dir und erfahre, du seist längst tot. Dieser Gedanke war Wahnsinn, und hätte er länger als einen Augenblick gedauert, er hätte mein Gehirn zerrissen.

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, 1. Mai 1806

Der Freund war eben bei mir; er war sehr lebendig und ein ungewöhnlich Rot brannte auf seiner Wange, er sagte, er habe im Morgenschlummer von Eusebio geträumt, wie er ganz mit ihm vereint gewesen und mit ihm durch reizende Täler und waldige Hügel gewandelt sei in seliger Liebe und Freiheit. Ist ein solcher Traum nicht mehr wert als ein Jahr meines Lebens, wenn ich nur Monate so glücklich und so schuldlos glücklich wäre als in diesem Traum, wie gerne und mit welcher Dankbarkeit gegen die Götter wollte ich sterben! Es ist zu wenig dafür geboten, ich wollte für solchen Preis meinen Kopf auf den Henkerblock legen und ohne feige Blässe den tödlichen Streich erwarten.

Karoline von Günderrode an Lisette Nees von Esenbeck, Frankfurt, Juli 1806

Ich bin eigentlich lebensmüde, ich fühle, daß meine Zeit aus ist, und daß ich nur fortlebe durch einen Irrtum der Natur; dies Gefühl ist zuweilen lebhafter in mir, zuweilen blässer. Das ist mein Lebenslauf.

2. Lebensdaten Karolines von Günderrode

1780

Karoline Friederike Louise Maximiliane Günderrode wird am 11.2.1780 in Karlsruhe geboren. Als älteste von sechs Geschwistern hat sie einen Bruder (Friedrich Karl Wilhelm (1786-1862)) und vier Schwestern (Louise Henriette Wilhelmine (1781-1794), Wilhelmine Louise Auguste Justine (1782-1819), Charlotte Friederike Christiane Wilhelmine (1783-1801), Amalie Karoline Louise Henriette (1784-1802)).

1786

Karolines Vater Hektor Wilhelm von Günderrode (1755-1786) – badischer Kammerherr und seit 1781 verantwortlicher Schulamtsleiter der markgräflichen Lande – stirbt an einer schweren Tuberkuloseerkrankung. Die Mutter Louise Sophie Victorine Auguste von Günderrode (1759-1819) zieht mit den Kindern nach Hanau und wird Hofdame beim Landgrafen Wilhelm von Hessen.

1797

Karoline tritt am 24.5.1797 mit 17 Jahren in das 1753 gegründete Cronstetten-Hynspergische Adelige Damenstift am Frankfurter Rossmarkt ein.

1799

Karoline lernt bei einem Familienfest in Lengfeld – ein Gut im Odenwald, das der Familie Leonhardi gehört – den Jurastudenten Friedrich Carl von Savigny kennen und verliebt sich in ihn.

1802

Aufgrund von Erbstreitigkeiten kommt es zwischen der Mutter einerseits und Karoline sowie ihrer einzigen noch lebenden Schwester andererseits zu starken Zerwürfnissen. Karoline bricht den Briefwechsel mit Clemens Brentano ab, nachdem er sie in einem Brief in erotisch aggressiver Weise umwarb, zugleich aber ihre Dichtung ironisch herabsetzte.

1804

Friedrich Carl von Savigny heiratet Kunigunde (Gunda) Brentano am 17.4.1804. Im August 1804 lernt Karoline den Philologen und Mythenforscher Friedrich Creuzer kennen. Karolines erste Textsammlung „Gedichte und Phantasien von Tian“ wird bei Brede in Offenbach gedruckt und in der Hermannschen Buchhandlung in Hamburg und Frankfurt am Main verlegt.

1805

Karolines zweite Textsammlung „Poetische Fragmente“ erscheint unter dem Pseudonym Tian. In La Roches „Herbsttagen“ erscheint die Erzählung „Geschichte eines Braminen“ unter dem Pseudonym Tiann (sic). Karolines Dramen „Udohla“ und „Magie und Schicksal“ erscheinen in den von Daub und Creuzer herausgegebenen „Studien I“.

1806

Friedrich Creuzer besucht Karoline am 28. und 29. Juni ein letztes Mal in ihrer Frankfurter Stiftswohnung. Wenig später kommt es zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung Creuzers. Der evangelische Theologe Carl Daub aus Heidelberg nötigt Creuzer das Einverständnis zur Trennung von Karoline ab. Susanne von Heyden soll im Auftrag von Carl Daub einen entsprechenden Brief an Karoline übergeben, doch gerät Karoline, die bei der Familie Servière in Winkel in den Ferien ist, aufgrund misslicher Umstände unvermittelt in dessen Besitz. Am 26. Juli begeht Karoline in Winkel am Rhein (heute zu Oestrich-Winkel) Selbstmord. Karolines im Druck befindliche Dichtung „Melete von Ion“ wird durch Creuzer gestoppt und das Manuskript vernichtet. Creuzers Heidelberger Freunde Carl und Sophie Daub sowie sein Bruder Leonhard Creuzer verlangen und erhalten die Briefe Creuzers an Karoline zurück, die von Leonhard Creuzer aufbewahrt werden, wobei einige kompromittierende Stellen, zum Teil auch ganze Briefe, auf Wunsch von Friedrich Creuzer durch Leonhard vernichtet werden. Die Briefe von Karoline an Creuzer werden von Susanne von Heyden verbrannt, so dass nur einige Abschriften, die Sophie Creuzer anfertigte, später gefunden werden konnten.

3. Wichtige Personen im Leben Karolines von Günderrode

  • Arnim, Achim von (1781-1831): Neben Clemens Brentano der Hauptvertreter der Heidelberger Romantik. Heimlicher Verehrer Karolines von Günderrode, der aber peinlich darauf bedacht war, seinem akademischen Lehrer Friedrich Creuzer nicht ins Liebesgehege zu kommen. 1811 heiratete er Bettina Brentano.
  • Arnim, Bettina von (geb. Brentano) (1785-1859): Enkelin der Schriftstellerin Sophie von La Roche und einstige Freundin Karolines von Günderrode, die 1840 den teilfiktiven Briefroman „Die Günderode“ veröffentlichte.
  • Barkhaus, Margarethe Elisabeth Karoline von (geb. Leonhardi) (1776-1849): Freundin Karolines von Günderrode und Schwester von Friedrich und Karl von Leonhardi.
  • Brentano, Clemens (1778-1842): Neben Achim von Arnim der Hauptvertreter der Heidelberger Romantik. 1803 heiratete er Sophie Merau (1770-1806).
  • Brentano, Kunigunde (Gunda) (1780-1863): Freundin Karolines von Günderrode und Schwester von Clemens Brentano, die am 17.4.1804 in Meerholz Friedrich Carl von Savigny heiratete.
  • Creuzer, Friedrich (1771-1858): Philologe, Orientilist und Mythenforscher, der mit Karoline von Günderrode von August 1804 bis zu ihrem Selbstmord im Jahr 1806 ein Verhältnis hatte. 1799 hatte er die dreizehn Jahre ältere Sophie Leske (geb. Müller) (1758-1831) geheiratet – die Witwe seines verstorbenen Professors Nathaniel Gottfried Leske. Sein Hauptwerk „Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen“ erschien in den Jahren 1810 bis 1812.
  • Creuzer, Leonhard (1768-1844): Älterer Bruder von Friedrich Creuzer.
  • Daub, Carl (1765-1836): Evangelischer Theologe aus Heidelberg, der Friedrich Creuzer dazu nötigte, das Verhältnis zu Karoline von Günderrode aufzulösen.
  • Daub, Sophie (geb. Blum): Jugendfreundin Karolines von Günderrode, die mit Carl Daub verheiratet war.
  • Günderrode, Hektor Wilhelm von (1755-1786): Vater Karolines von Günderrode, badischer Kammerherr und seit 1781 verantwortlicher Schulamtsleiter der markgräflichen Lande, der 1786 an einer schweren Tuberkuloseerkrankung starb.
  • Günderrode, Louise Sophie Victorine Auguste von (1759-1819): Mutter Karolines von Günderrode die aufgrund von Finanz-Turbulenzen spätestens seit 1797 in einem gespannten Verhältnis zu Karoline von Günderrode stand.
  • Heyden, Susanne von (1775-1845): Stiefschwester von Elisabetha (Lisette) Jacobina von Nees von Esenbeck.
  • Mereau, Sophie (geb. Schubart) (1770-1806): Schriftstellerin, die 1803 Clemens Brentano heiratete.
  • Nees von Esenbeck, Christian Gottfried Daniel (1776-1858): Botaniker und Naturphilosoph.
  • Nees von Esenbeck, Elisabetha (Lisette) Jacobina (geb. von Mettingh) (1783-1857): Stiefschwester der Susanne von Heyden und Ehefrau von Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck.
  • Piautaz, Claudine (Klötchen) (1772-1840): Hausdame, die die Kinder der 1793 verstorbenen Maximiliane Brentano aufzog und eine mütterlich Vertraute der Karoline war, obwohl sie nur acht Jahre älter war.
  • Savigny, Friedrich Carl von (1779-1861): Deutscher Rechtsgelehrter und Kronsyndikus, der 1799 Karoline von Günderrode kennenlernte, die sich in ihn verliebte. 1804 heiratete er Clemens Brentanos ältere Schwester Kunigunde (Gunda) Brentano.
  • Schwarz, Friedrich Heinrich Christian (1766-1837): Evangelischer Theologe und Pädagoge.

5. Literatur

5.1. Veröffentlichungen zu Lebzeiten (chronologisch)

  • Tian [Karoline von Günderrode]: Gedichte und Phantasien, Hamburg und Frankfurt am Main: Johann Christian Hermannsche Buchhandlung, 1804. [Die Ausgabe enthält die Texte „Darthula nach Ossian“, „Timur“, „Don Juan“, „Die Manen“, „Wandel und Treue“, „Wunsch“, „Immortalita“, „Der Adept“, „Ein apokaliptisches Fragment“, „Mora“, „Musa“, „Die Erscheinung“, „Die Traurende und die Elfen“, „Die Bande der Liebe“, „Des Wandrers Niederfahrt“, „Mahomets Traum in der Wüste“, „Zilia an Edgar“, „Liebe“, „Ariadne auf Naxos“ und „Der Franke in Egypten“.]
  • Tian [Karoline von Günderrode]: Poetische Fragmente, Frankfurt am Main: Friedrich Wilmans, 1805. [Die Ausgabe enthält die Texte „Hildgund“, „Piedro“, „Die Pilger“, „Der Kuß im Traume“ und „Mahomed, der Prophet von Mekka“.]
  • Tian [Karoline von Günderrode]: Udohla, in zwei Acten und Magie und Schicksal, in drei Acten, in: Studien, Erster Band, hrsg. von Friedrich Creuzer und Carl Daub. Frankfurt am Main, Heidelberg: J.C.B. Mohr, 1805.
  • Tiann [sic] [Karoline von Günderrode]: Geschichte eines Braminen, in: Herbsttage, hrsg. von Sophie von La Roche, Leipzig: Heinrich Gräff, 1805.
  • Tian [Karoline von Günderrode]: Nikator. Eine dramatische Skizze in drei Acten, in: Taschenbuch für das Jahr 1806: Der Liebe und Freundschaft gewidmet, Frankfurt am Main: Friedrich Wilmans, 1806.

5.2. Werkausgaben und Textsammlungen (chronologisch)

  • Günderrode, Karoline von: Gesammelte Dichtungen, hrsg. von Friedrich Götz, Mannheim: Verlag von Friedrich Götz, 1857.
  • Ion [Karoline von Günderrode]: Melete, hrsg. von Leopold Hirschberg, Berlin: Max Harrwitz, 1906. [Erstmalige Herausgabe des von Friedrich Creuzer supprimierten Werkes anlässlich des 100. Todestages Karolines von Günderrode. Da das Originalmanuskript vernichtet wurde, bilden die Textgrundlage dieser Ausgabe die zufällig erhalten gebliebenen ersten 4 Druckbogen und Teile des 5. Korrekturbogens, ergänzt durch einige Abschriften.]
  • Günderrode, Karoline von: Gesammelte Werke der Karoline von Günderrode, hrsg. von Leopold Hirschberg, 3 Bde., Berlin-Wilmersdorf: Bibliophiler Verlag O. Goldschmidt-Gabrielli, 1920-1922.
  • Günderrode, Karoline von: Dichtungen, hrsg. von Ludwig Pigenot, München: Hugo Bruckmann Verlag, 1922.
  • Günderrode, Karoline von: Gesammelte Dichtungen, hrsg. von Elisabeth Salomon, München: Drei Masken Verlag, 1923.
  • Günderrode, Karoline von: Günderode, hrsg. von Friedhelm Kemp, Lorch (Württemberg): Alfons Bürger Verlag, 1947.
  • Günderrode, Karoline von: Ein apokalyptisches Fragment: Gedichte und Prosa, hrsg. von Herbert Blank, Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1960.
  • Günderrode, Karoline von: Gedichte, hrsg. von Franz Josef Görtz, Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1985.
  • Günderrode, Karoline von: Gedichte, Prosa, Briefe, hrsg. von Hannelore Schlaffer, Stuttgart: Reclam, 1998.
  • Günderrode, Karoline von: Einstens lebt ich süßes Leben. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen, hrsg. mit dem begleitenden Essay „Der Schatten eines Traumes“ von Christa Wolf, Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2006. [Die von Christa Wolf herausgegebene Zusammenstellung erschien erstmals 1979 unter dem Titel „Karoline von Günderrode, Der Schatten eines Traumes. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen“ in der DDR im Buchverlag Der Morgen, Berlin. Anlässlich des 200. Todestages der Karoline von Günderrode erschien 2006 diese leicht erweiterte Neuauflage.]
  • Günderrode, Karoline von: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, historisch-kritische Gesamtausgabe in 3 Bänden, hrsg. von Walter Morgenthaler, Basel und Frankfurt am Main: Stroemfeld, 2006.

5.3. Briefe und Materialien

  • Geiger, Ludwig (Hrsg.): Karoline von Günderrode und ihre Freunde, Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien: Deutsche Verlags-Anstalt, 1895.
  • Görtz, Franz Josef (Hrsg.): Die Liebe der Günderode. Ein Roman in Briefen, München, Zürich: Piper, 1991. [Unkritischer Neudruck der Briefe Creuzers nach der Ausgabe von Karl Preisendanz (1912).]
  • Pattloch, Paul (Hrsg.): Unbekannte Briefe der Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, in: Hochland, Monatszeitschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst, begründet und hrsg. von Karl Muth, 35. Jahrgang, Band I, München, Kempten: Kösel-Verlag, Oktober 1937 – März 1938.
  • Preisendanz, Karl (Hrsg.): Die Liebe der Günderrode. Friedrich Creuzers Briefe an Karoline von Günderrode, München: K. Piper & Co., 1912. [Die Briefausgabe von Karl Preisendanz bringt die Briefe Friedrich Creuzers an Caroline von Günderode im originalen Wortlaut, versehen mit Anmerkungen des Herausgebers und einem Register. Zudem enthält der Band Briefe Creuzers an seinen Vetter und Vertrauten Leonhard Creuzer und Briefe von Freunden, nach dem Tode von Caroline geschrieben.]
  • Preitz, Max (Hrsg.): Karoline von Günderrode in ihrer Umwelt I. Briefe von Lisette und Christian Gottfried Nees von Esenbeck, Karoline von Günderrode, Friedrich Creuzer, Clemens Brentano und Susanne von Heyden, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1962. [Kritische Briefausgabe mit Kommentar.]
  • Preitz, Max (Hrsg.): Karoline von Günderrode in ihrer Umwelt II. Karoline von Günderrodes Briefwechsel mit Friedrich Carl und Gunda von Savigny, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1964. [Kritische Briefausgabe mit Kommentar.]
  • Preitz, Max (Hrsg.) / Doris Hopp (Hrsg.): Karoline von Günderrode in ihrer Umwelt III. Karoline von Günderrodes Studienbuch, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1975.
  • Rohde, Erwin (Hrsg.): Friedrich Creuzer und Karoline von Günderrode. Briefe und Dichtungen, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1896.
  • Weißenborn, Birgit (Hrsg.): „Ich sende Dir ein zärtliches Pfand“: Die Briefe der Karoline von Günderrode, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag, 1992. [Die Briefausgabe von Birgit Weißenborn ist die bisher umfangreichste, auch wenn sie höheren textphilologischen Ansprüchen nicht gerecht wird.]

5.4. Biographisches

  • Gersdorff, Dagmar von: „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden“: Das Leben der Karoline von Günderrode, Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2006.
  • Hille, Markus: Karoline von Günderrode, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1999.
  • Hopp, Doris: Karoline von Günderrode, Frankfurt am Main: Freies Deutsches Hochstift, Frankfurter Goethe-Museum, 2006.
  • Lazarowicz, Margarete: Karoline von Günderrode. Portrait einer Fremden, Frankfurt am Main, Bern, New York: Peter Lang, 1986. [Die Dissertation von Margarete Lazarowicz unternimmt den Versuch, die historische Subjektivität der Schriftstellerin Karoline von Günderrode in literarischer wie in biographischer Hinsicht zu porträtieren.]

5.5. Weitere Literatur (Auswahl)

  • Arnim, Bettina von: Clemens Brentano’s Frühlingskranz / Die Günderode, hrsg. von Walter Schmitz, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 2006. [Bei Bettinas von Arnim „Die Günderode“ handelt es sich um eine teilfiktive Briefbiographie aus dem Jahr 1840.]
  • Becker-Cantarino, Barbara: Schriftstellerinnen der Romantik: Epoche – Werke – Wirkung, München: C. H. Beck, 2000.
  • Burdorf, Dieter: „Diese Sehnsucht ist ein Gedanke, der ins Unendliche starrt“. Über Karoline von Günderrode – aus Anlass neuer Ausgaben ihrer Werke und Briefe, in: Wirkendes Wort: Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre, 43. Jahrgang, Heft 1, Bonn: Bouvier Verlag, 1993.
  • Christmann, Ruth: Zwischen Identitätsgewinn und Bewußtseinsverlust. Das philosophisch-literarische Werk der Karoline von Günderrode (1780-1806), Frankfurt am Main, Bern, New York: Peter Lang, 2005. [Die Arbeit von Ruth Christmann widmet sich der Einordnung der Karoline von Günderrode in den Epochenkontext um 1800 unter Einbeziehung ihrer philosophischen Studien.]
  • Dormann, Helga: Die Karoline von Günderrode – Forschung 1945 – 1995. Ein Bericht, in: Athenäum, Jahrbuch für Romantik, 6. Jahrgang, hrsg. von Ernst Behler, Manfred Frank, Jochen Hörisch und Günter Oesterle, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1996.
  • Dormann, Helga: Die Kunst des inneren Sinns: Mythisierungen der inneren und äußeren Natur im Werk Karoline von Günderrodes, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2004.
  • Eickenrodt, Sabine: „Die Vergangenheit war mir dahin!“ Karoline von Günderrodes apokalyptische Vision, in: Geschriebenes Leben: Autobiographik von Frauen, hrsg. von Michaela Holdenried, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1995.
  • Gleichauf, Ingeborg: Denken aus Leidenschaft. Acht Philosophinnen und ihr Leben, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2009.
  • Hummel, Adrian: Lebenszwänge, Schreibräume, unirdisch. Eine kulturanthropologisch orientierte Deutung des „Mythos Günderrode“, in: Athenäum, Jahrbuch für Romantik, 13. Jahrgang, hrsg. von Ernst Behler, Manfred Frank, Jochen Hörisch und Günter Oesterle, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2003.
  • Licher, Lucia Maria: »Mein Leben in einer bleibenden Form aussprechen«: Umrisse einer Ästhetik im Werk Karoline von Günderrodes (1780-1806), Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1996.
  • Philipp, Hugo Wolfgang: Karoline von Günderrode: Ein Gedenkblatt zu ihrem hundertfünfzigsten Geburtstag, in: Nur weg möchte ich von hier: Briefe und Schriften aus dem Exil, hrsg. von Roman Bucheli, Göttingen: Wallstein Verlag, 2005.
  • Rauchenbacher, Marina: Karoline von Günderrode: eine Rezeptionsstudie, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2014.
  • Sauerteig, Kay: Die Korrespondenzen von Rahel Levin – Pauline Wiesel und Bettine Brentano – Karoline von Günderrode, in: Geschriebenes Leben: Autobiographik von Frauen, hrsg. von Michaela Holdenried, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1995.
  • Schade, Waltraud: Bettine Brentano und Karoline von Günderrode. Ein Gespräch, Berlin: Frank und Timme, 2006.
  • Werner-Schoene Monika / Schoene, Dieter: Karoline von Günderrode. Eine tragische Idealistin, in: Bedeutende Frauen des 18. Jahrhunderts: elf biographische Essays, hrsg. von Elge Pilz, Würzburg. Königshausen & Neumann, 2007.
  • Wilhelm, Richard: Die Günderode: Dichtung und Schicksal, Frankfurt am Main: Societäts Verlag, 1938.
  • Wolf, Christa: Projektionsraum Romantik. Gespräch mit Frauke Meyer-Gosau, in: Christa Wolf: Essays / Gespräche / Reden / Briefe 1975-1986, Werke, 8. Band, hrsg. von Sonja Hilzinger, München: Luchterhand, 2000. [Gespräch zwischen Christa Wolf und Frauke Meyer-Gosau aus dem Jahr 1982, in dem sich Christa Wolf u. a. über ihr Buch „Kein Ort. Nirgends“, Karoline von Günderrode und die Frühromantik äußert.]
  • Wolf, Christa: Der Schatten eines Traumes, in: Karoline von Günderrode. Einstens lebt ich süßes Leben. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen, hrsg. von Christa Wolf, Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2006.
  • Wolf, Christa: Kein Ort. Nirgends, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007.