Robert Walser: Jakob von Gunten

Robert Walsers Tagebuch-Roman „Jakob von Gunten“, 1908 in Berlin geschrieben und im Frühjahr 1909 im Verlag Bruno Cassirer erschienen, umfasst knapp 160 Seiten, bestehend aus Eintragungen, die der Protagonist Jakob von Gunten während seiner Ausbildung zum Diener am Knabeninstitut Benjamenta macht. Jakobs Tagebuchaufzeichnungen reflektieren dessen Streben nach einer vollständigen Unterwerfung unter das Gegebene in Form einer Lebensweise, in der dem Individuum keinerlei Selbstzweckcharakter zukommt: „Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur eine Null.“ (W, 164.) Während in Walsers Roman „Geschwister Tanner“ (1907) der Protagonist Simon Tanner gegen die Entfremdungserfahrungen im Arbeitsleben aufbegehrt, verfolgt Jakob von Gunten eine völlig entgegengesetzte Strategie: Indem Jakob seine Persönlichkeit zu einer Null herabbildet, können ihm die gesellschaftlichen Verhältnisse nichts mehr anhaben.

Jakobs Karriere nach unten

In seinem Lebenslauf, den Jakob dem Institutsleiter überreicht, beschreibt Jakob seine Einstellung und Motivation wie folgt: Er wünsche, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, was es bedeute, sich zusammenraffen zu müssen; er wolle, dass das Leben ihn erziehe; er glaube, sich in jede Lage schicken zu können, so dass es ihm gleichgültig sei, was man ihm befehlen werde; er sei der festen Überzeugung, dass jede sorgsam ausgeführte Arbeit für ihn eine größere Ehre sei, als das müßig und ängstliche zu Hause Hinter-dem-Ofen-Sitzen (vgl. W, 50ff.). Diese, im Geiste einer Eingliederungsvereinbarung im Jobcenter formulierte Lebens- und Arbeitseinstellung, wird im ganzen Roman bis zur letzten Konsequenz ausformuliert, wie zum Beispiel in folgender Formulierung: „Wer sich selbst schätzt, ist vor Entmutigungen und Herabwürdigungen nie sicher, denn stets begegnet dem selbstbewußten Menschen etwas Bewußtseinsfeindliches. Und doch sind wir Schüler durchaus nicht ohne Würde, aber es ist eine sehr, sehr bewegungsfähige, kleine, bieg- und schmiegsame Würde. Übrigens legen wir sie an und ab je nach Erfordernissen.“ (W, 92f.) Die bewusste Selbsterniedrigung zu einer Null soll es also Jakob ermöglichen, ein Leben frei von Enttäuschungen zu führen.

An dieser Stelle drängt sich ein Vergleich mit der Schilderung jenes Charakters auf, den Erich Fromm mit dem Ausdruck „Marketing-Charakter“ bezeichnet: Das höchste Ziel dieses Charakters ist „die vollständige Anpassung, um unter allen Bedingungen des Persönlichkeitsmarktes begehrenswert zu sein. Der Mensch dieses Typus hat nicht einmal ein Ich […], an dem er festhalten könnte, das ihm gehört, das sich nicht wandelt. Denn er ändert sein Ich ständig nach dem Prinzip: »Ich bin so, wie du mich haben möchtest.«“ (F, 181.) Der Unterschied zwischen Jakob und einem Marketing-Charakter scheint jedoch darin zu liegen, dass der Marketing-Charakter noch das Gefühl eines eigenen Wertes erlebt, auch wenn er diesen Wert allein aus seiner Verkäuflichkeit schöpft, während Jakob zwar die Lebensweise des Marketing-Charakters annehmen will, nicht jedoch der Illusion erliegt, dass seine Person in dieser Lebensweise noch einen Wert besitzt.

Unter Jakobs Mitschülern ist Kraus am Häufigsten Gegenstand der Betrachtungen von Jakob: „Der liebe Kraus! Immer zieht es mich in Gedanken nach ihm hin. An ihm sieht man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. Kraus wird später im Leben, wohin er auch kommen wird, immer als brauchbarer, aber ungebildeter Mensch angesehen werden, für mich ist gerade er durchaus gebildet, und zwar deshalb, weil er ein festes, gutes Ganzes darstellt. […] Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein Nichts, ein Diener. Ungebildet, gut genug, gerade die sauerste Arbeit zu verrichten, wird er jedermann vorkommen, und sonderbar: darin, nämlich in diesem Urteil, wird man sich auch nicht irren, sondern man wird durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus, die Bescheidenheit selber, die Krone, der Palast der Demut, er will ja geringe Arbeiten verrichten, er kann’s und er will’s. Er hat nichts anderes im Sinn, als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, und das wird man gleich merken und wird ihn ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, liegt eine so strahlende, von Güte und Helligkeit schimmernde, goldene, göttliche Gerechtigkeit.“ (W, 79.) Diese Schilderung bringt einen klaren Unterschied zwischen Jakob und Kraus zum Ausdruck. Kraus möchte dienen, er möchte nützlich und fleißig sein und seine Fähigkeiten, wie gering sie aufgrund mangelnder Bildung und schlechter körperlicher Konstitution auch sein mögen, für andere Menschen zum Einsatz bringen. Das, was Kraus‘ Natur bestimmt, ist zwar auch das, was Jakob für sich selbst anstrebt, jedoch „hat [Jakob] einen Trotzkopf, in ihm leben eben noch ein wenig die ungebändigten Geister seiner [adligen] Vorfahren“ (W, 51). Für das, was Jakob in sich überwinden will, hat Kraus nie einen Sinn gehabt und eben das imponiert Jakob. Anders gesagt: Während Jakobs Natur sich gelegentlich noch dagegen wehrt, wenn er sich zu einer runden Null (vgl. W, 53) machen will, hat Kraus nie einen Sinn für diesen Prozess der Nullwerdung gehabt, vielmehr reagiert er stets mit Empörung, wenn sich Jakob für mehr als eine Null hält, anstatt sich vollständig den Gegebenheiten unterzuordnen. In Hinblick auf ihre Psychotechnik können die Tagebuchaufzeichnungen Jakobs mit den Selbstbetrachtungen Marc Aurels verglichen werden: In beiden Fällen geht es darum, sich stetig bestimmte Maximen und Ideale vor Augen zu halten, um seine Natur entsprechend zu verändern. Dieser Vergleich mag an seine Grenzen kommen, wenn man das stoische Ideal vom Weisen mit Jakobs Ideal vergleicht, wie es durch Kraus verkörpert wird.

Eine weitere interessante Figur ist der melancholische und träumerische Schüler Schacht, der „davon träumt Musiker zu werden“ (W, 13). Über dessen zukünftiges Schicksal im Leben schreibt Jakob: „Er wird immer in Ämter, Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und es wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er habe zu schwer arbeiten müssen, und er erzählt von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten, die es gleich bei seinem Antritt unternommen hätten, ihn mit ungebührlichen Pflichten schalkhaft zu überhäufen und ihn zu Boden zu quälen und zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. Nur zu willig, das heißt ich halte für absolut wahr, was er sagt, denn kränklichen, empfindsamen Leuten gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich roh, gebieterisch, launisch und grausam. […] Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden, leidenden Abneigung geboren. Er möchte anerkennen und willkommen heißen, aber er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose tritt ihm zehnfach hart und unmitleidvoll entgegen, er empfindet es eben schärfer.“ (W, 122f.) Schacht wird als ein Mensch geschildert, der unter den Bedingungen der Arbeitswelt schlichtweg nicht bestehen kann, er ist zu sensibel, als dass es auch nur irgendeine Strategie für ihn geben könnte, die ein Überleben ermöglichen würde. Für Jakob ist Schacht ein Kind, das in Melodien schwelgen und in gütigen, weichen, sorgenlosen Dingen gebettet werden sollte: „Für ihn sollte es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn sollten blasse zarte Abendhimmelwolken tragen in das Reich: «Ach, wie ist mir?» – Seine Hände taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit.“ (W, 123.) Im Gegensatz zu Schacht sieht sich Jakob als einen grobknochigen Knecht (vgl. W, 124).

Während also Kraus‘ Natur der sozialen Welt und den Arbeitsbedingungen optimal angepasst ist und Jakobs Natur auf dem besten Wege ist, diesem Ideal näher zu kommen, ist Schachts Künstlernatur (vgl. W, 14) weit davon entfernt, sich den Umständen der Arbeitswelt beugen zu können, was schlichtweg dazu führt, dass er zugrunde gehen wird. Wie oben im Vergleich mit Erich Fromms Begriff des Marketing-Charakters bereits deutlich wurde, kann Jakobs Position als bewusste und konsequente Umsetzung dessen interpretiert werden, was implizit und explizit die moderne soziale Welt jedem Menschen abverlangt. Im alltäglichen Sprachgebrauch und den alltäglichen Handlungen wird dies oft verschleiert: Jakobs Tagebuch ist hingegen die Explikation der würdelosen Anforderungen, die jedem Menschen gestellt werden, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, ob er sich diese Verhältnisse eingesteht oder schön redet.

Links

Internetquellen zu Robert Walser: Linksammlung der Universitätsbibliothek der FU Berlin.
Kritische Robert Walser-Ausgabe: Kritische Edition sämtlicher Drucke und Manuskripte.
Rober Walser-Zentrum: Kompetenz-Zentrum zu Robert Walser und Carl Seelig.

Filmadaptionen

Literatur

  • Erich Fromm: Haben oder Sein, aus dem Englischen von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 42. Auflage, 2015 [F].
  • Robert Walser: Jakob von Gunten, Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1985 [W].